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News-Board-Eintrag:
‚Welt am Draht‘. Kulturdiagnostik populärer Medien am Fall der TV-Serie The Wire

News-Kategorie:
Eingestellt von: Hans Christian Fromm
Eingestellt am: 30.01.2012

‚Welt am Draht‘.
Kulturdiagnostik populärer Medien am Fall der TV-Serie
The Wire

Workshop am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC)
17. Februar 2012

Der Workshop findet in Raum 001 im GCSC-Gebäude statt. Es ist keine Voranmeldung erforderlich.


Seit einigen Jahren erfährt der gesamte Kontext der sogenannten Populärkultur, zeitgenössisch immer verbunden mit allen Aspekten der Mediengesellschaft, erneute Aufmerksamkeit. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen sowie den medialen Praktiken und Kulturtechniken der Populärkultur ist inzwischen in einer Weise als legitim und produktiv anerkannt, die mit Blick auf den klassischen Habitus der Humanwissenschaften bemerkenswert ist. Weder steht die Populärkultur in dieser Perspektive unter dem Verdacht, bloßes Instrument der „Kulturindustrie“ (Adorno/Horkheimer) zu sein, noch ist sie schlicht Agent einer „Gesellschaft des Spektakels“ (Debord) oder bloßer Transmitter einer entfremdeten „Warenästhetik“ (Haug). Ohne diese Positionen völlig aufzugeben, hat sich vielmehr eine neue Perspektive auf die Objekte und Praxen zeitgenössischer Kultur durchgesetzt, die von ihrem distinktiven Charakter als Akteur innerhalb des kulturellen Feldes ausgeht.
    Voraussetzung für diese neuerliche Entwicklung ist zweierlei. Zum einen ist es erforderlich, den Produkten der Massen- und Populärkultur einen epistemologischen Kern, eine epistemische Kompetenz zuzubilligen. Hierzu haben insbesondere die (britischen) Cultural Studies sowie die poststrukturalistische Kulturanalyse beigetragen. Zum anderen ist ein Begriff von Populärkultur erforderlich, der diese nicht mehr – wie noch in der klassischen Debatte – in eine strikte Opposition zur ‚Hochkultur‘ stellt und dabei homogenisiert, sondern der differenziert die unterschiedlichen reflexiven und performativen Potentiale massenhaft ‚erfolgreicher‘ Medienprodukte (einschließlich ihrer Komplexitätsdifferenzen) zu erfassen in der Lage ist. Notwendig ist schließlich eine Modellierung der epistemischen Mittel (z.B. Serialität) einerseits und Limitierungen andererseits, die der Kulturdiagnostik populärer Medien gesetzt sind.
    Für den hier projektierten Workshop fällt die Wahl mit der TV-Serie The Wire (USA 2002-2008) auf ein exemplarisches Material, das an der Schnittstelle zwischen sogenanntem Mainstream und Nobilitierungssegment verortet werden kann. Die Serie diskutiert am Beispiel Baltimores soziale und kulturelle Verschiebungen in der Struktur gegenwärtiger urbaner Räume: eine ‚neue‘ gesellschaftliche (hier v.a. ethnische) Segregation des Städtischen, die Entvölkerung der Innenstädte, den wechselseitigen Anstieg von Kriminalität und Versicherheitlichung bzw. Überwachung, die Etablierung neuer kultureller Rollen an den Schnittstellen von Stadtraum, Einkommen, Geschlecht und Ethnie, die Möglichkeiten politischer und polizeilicher Steuerung etc. Die Serie interagiert – worauf eine schnell einsetzende akademische Rezeption hingewiesen hat – mit urban geography, surveillance studies und der kulturwissenschaftlichen Identitäts-/Alteritätsforschung, indem sie deren aktuelle Erkenntnisse einerseits bestätigt, andererseits ihnen einen spezifischen epistemischen Mehrwert hinzuzufügen scheint. 
    Allerdings gilt die Serie nicht nur als eines der weitsichtigsten Produkte der amerikanischen Serienkultur, wurde es nicht nur für seine innovative Ästhetik und komplexe Erzählstruktur gepriesen und mit dem Werk Balzacs verglichen. Zugleich richtet sich The Wire explizit und im Gegensatz etwa zum klassischen Autorenfilm an ein breites Publikum und operiert mit gängigen massenkulturellen Verfahrensweisen (so arbeitet die Serie mit den gängigen Klischees bewährter Figurenkonstellationen und Charaktere sowie mit geläufigen Genre-Elementen aus Melodrama, Action und Crime Fiction). Insofern könnte The Wire ein hervorragendes Beispiel dafür darstellen, wie innerhalb des populärkulturellen Mainstreams komplexe und analytische Narrative entfaltet werden, die in keiner Weise dem hegemonialen Kontext ihrer Entstehung gegenüber affirmativ sein müssen. Fraglich wird, ob Gegenständen wie The Wire ein Zugang über eine Kategorie der Subversion noch angebracht ist. Sinnvoller wäre wohl, nach einer der „affirmativen Kultur“ (Marcuse) selbst innewohnenden, reflexiven und somit diese auch transzendierenden Kraft zu fragen. Die Affirmation der Kultur wäre demnach immer schon mit einem Riss versehen, der den Blick auf verdeckte Diskurse und Realitäten freilegt. Anhand von The Wire kann exemplarisch ermittelt werden, inwieweit insbesondere Populärkultur über eine Kompetenz zur Analyse komplexer zeitgenössischer gesellschaftlicher und kultureller Zusammenhänge verfügt und welche Verfahren ihr dabei zur Verfügung stehen.
    Beachtenswert ist schließlich, dass die Serie trotz ihrer Thematisierung spezifisch amerikanischer Urbanität gerade nicht nur mit Blick auf die amerikanischen Gesellschaften der Gegenwart aussagekräftig ist. So werden Ästhetik, Fiktion, Dokumentation, Dramaturgie und Kritik in The Wire zu einem Bild der urbanen, neoliberalen bis postdemokratischen Realität der Gegenwart verwoben, dessen Signifikanz und Relevanz (der Globalisierung der Medien angemessen) auf „postmoderne Geographien“ (Edward Soja) weltweit ausstrahlt. Das doku-fiktionale Baltimore der Serie – mit seinem Drogenhandel, seiner polizeilichen und para-staatlichen Gewalt, seiner Armut, seiner politischen Ausweglosigkeit – bildet de facto eine globalisierte Krisenrealität moderner Gesellschaften ab. Der Workshop fragt in dieser Perspektive nach dem diagnostischen Potential der (zeitgenössischen) Populärkultur allgemein und nach den spezifischen Kompetenzen einer Serie wie The Wire im Besonderen.
Ablauf Workshop „The Wire“:

Zeitplan

10:30         Begrüßung + Einführung
        Jörn Ahrens/Kai Sicks (Gießen)

11:00        Ist The Wire ‚Quality TV‘?
       Elahe Haschemi (Berlin)
       Respondenz: Caroline Rothauge

12:15        Mittagspause

13:45        „The Dickensian Aspect“. Probleme der Aufklärung im Zeitalter des premium cable television
        Marcus Krause (Bochum)
        Respondenz: Marie Lottmann

15:00        Populärkultur als serielle Selbstbeschreibungsformel. Wie The Wire die Gesellschaft vorstellt
        Lars Koch (Siegen)
        Respondenz: Floris Biskamp/Johnny Van Hove
       
16:15        Kaffeepause

16:45        A game of phones
        Michael Cuntz (Weimar)
        Respondenz: Vincent Fröhlich
       
18:00        Abschlussdiskussion + Ende

19:00        Gemeinsames Abendessen