| News-Kategorie: | |
| Eingestellt von: | Angela Harter |
| Eingestellt am: | 21.11.2011 |
"Am GCSC lernt man, Chancen zu nutzen" "Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt" – unter diesem Titel ist im Oktober Katja Urbatschs erstes Buch erschienen. Die Amerikanistin und GCSC-Doktorandin gründete im Mai 2008 in Gießen Arbeiterkind.de und erzielte damit binnen kürzester Zeit enorme Erfolge. Mittlerweile zählt das Netzwerk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien den Weg an die Uni und durchs Studium zu erleichtern, über 3.500 ehrenamtliche MentorInnen bundesweit. Es erhielt bereits elf Auszeichnungen, darunter die Wahl zum "Ort im Land der Ideen 2009" unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten sowie der Deutsche Engagementpreis 2009. Als "Jahr des Durchbruchs" bezeichnet Katja Urbatsch allerdings 2011. Sie konnte sieben MitarbeiterInnen einstellen und schrieb nebenbei ihr autobiografisch angelegtes Buch zu Schwachstellen im deutschen Bildungssystem. Erfreulicherweise findet Katja, von der ich 2008 die Stelle als Mitarbeiterin für PR und Marketing am GCSC übernommen habe, trotzdem noch die Zeit, einige Fragen für unseren Newsletter zu beantworten. Katja, vielen Dank, dass du trotz deiner vielseitigen Aufgaben als Geschäftsführerin von Arbeiterkind.de Zeit für das Gespräch findest. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Vor allem, weil ich mich schon sehr auf Weihnachten freue. Dann kommen endlich ein paar ruhigere Tage und etwas Entspannung. Weihnachten, das Fest der Familie. In deinem Buch nimmt die Familie eine große Rolle ein und zwar gerade deshalb, weil sie Kindern von Nicht-Akademikern oftmals den Weg an die Universität erschwert. Du schreibst zum Beispiel von einem ständigen Rechtfertigungszwang auf Familienfesten. Spürst du den immer noch? Mittlerweile erkennen meine Eltern und meine Verwandten schon an, dass aus mir "was geworden ist". Ich bin Geschäftsführerin, habe also meine eigene Stelle und mittlerweile sogar sieben Mitarbeiter. Diese Erfolge nehmen meinen Eltern die Unsicherheit; sie machen sich jetzt keine Sorgen mehr. Früher war das allerdings noch anders. Da waren die Fragen nach der finanziellen Zukunft ständig präsent, und ich musste meine Entscheidung, an die Uni zu gehen und dann auch noch Nordamerikastudien zu wählen – womit man noch nicht mal Lehrerin werden konnte –, ständig legitimieren. Du beschreibst in deinem Buch die Hindernisse, die insbesondere Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien bei der Entscheidung für ein Studium im Wege stehen. Dabei nimmst du vor allem die Übergänge von der Grundschule ans Gymnasium und von der weiterführenden Schule an die Uni in den Blick. Siehst du den Übergang zur Promotion noch mal als besondere Hemmschwelle? Auf jeden Fall. Obwohl Leute, die eine Promotion in Erwägung ziehen, schon älter sind und sich an das Universitätsleben gewöhnt haben, ändert sich kaum etwas an dem grundsätzlichen Problem. Das heißt, an dem finanziellen Druck und dem Wunsch der Eltern, das Kind solle möglichst schnell "was Richtiges" arbeiten. Dadurch werden Existenzängste geschürt, die für Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien meist viel präsenter sind als für andere und die sich bei der Entscheidung zur Promotion oft noch mal zuspitzen. Wenn die Akzeptanz des Studiums schon Überwindung gekostet hat, dann herrscht beim Stichwort 'Promotion' oft völlige Verständnislosigkeit. So kriege ich es zumindest in unserer community oft mit. Und wie hast du dich für die Promotion entschieden? Das war eigentlich ein Zufall. Ich habe mich damals auf alle möglichen Stellen beworben. Ich war gar nicht sicher, dass ich unbedingt promovieren wollte, aber die Anzeigen des GCSC klangen nach einer sehr spannenden Herausforderung. Dann würdest du den häufig erklingenden Anspruch, man müsse im Sinne der Arbeitsmarktfähigkeit so früh wie möglich einen eindeutigen Karriereweg verfolgen, nicht unbedingt unterstützten? Nein, man muss auch mal links und rechts gucken. Das gilt nicht nur, aber gerade auch für Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer. Ich bin selbst eher skeptisch, wenn mir Leute erzählen, sie hätten schon seit ihrer Kindheit gewusst, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen. Natürlich muss man im Bewerbungsgespräch glaubhaft machen können, dass man gerade für ein bestimmtes Unternehmen besonders gut geeignet ist. Trotzdem muss man keinen schnurgeraden Kurs verfolgen. Ich merke zum Beispiel oft, dass mir gerade die Flexibilität nützlich ist, die man sich in aller Regel während eines geisteswissenschaftlichen Studiums aneignet. Davon profitiere ich in meinem jetzigen Berufsleben, zum Beispiel, wenn ich mir neue Diskussionsstoffe sehr schnell erarbeiten muss. Doch auch als Einstellungssache ist solch eine Flexibilität nützlich, weil man gewisse Gelegenheiten sonst vielleicht als Chancen gar nicht mitbekommt. Ich wusste ja zum Beispiel auch nicht, dass es das Graduiertenzentrum überhaupt gibt, bis ich auf die Anzeige gestoßen bin. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich genommen werde… Zweifel, die sich schon bald erübrigten. Denn, so schreibst du, Professor Dr. Ansgar Nünning, dein späterer Chef und Betreuer, habe schon während des Vorstellungsgesprächs dein "Potenzial" und deine entscheidenden "Qualitäten und Fähigkeiten" erkannt. Könntest du uns näher erläutern, was du unter diesen 'entscheidenden Fähigkeiten' verstehst? Das hängt natürlich ganz vor der jeweiligen Position ab. Generell würde ich aber sagen, entscheidend ist nicht, dass man schon alles kann. Für viel wichtiger halte ich Lernfähigkeit und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Für einen Job am Graduiertenzentrum braucht man darüber hinaus noch eine Reihe an speziellen Eigenschaften: einen gewissen Ehrgeiz, den Willen, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu arbeiten, Belastbarkeit und Zuverlässigkeit. Ganz grundsätzlich ist die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen. Das ist wirklich eine Kunst – eigentlich bei hoher Arbeitsbelastung weder Kontrolle noch Motivation zu verlieren. Doch diese Kunst kann man erlernen? Am GCSC unbedingt. Was man am GCSC zweifellos lernt, ist Organisationskompetenz. Schließlich muss man dauernd mehrere Projekte gleichzeitig managen. Außerdem erprobt man Organisationskompetenz am Zentrum ganz pragmatisch, zum Beispiel, wenn man eine Tagung auf die Beine stellt. Das trauen sich viele zuerst gar nicht zu. Ich wurde bei etlichen derartigen Projekten ins kalte Wasser geworfen – und habe dadurch unglaublich viel gelernt. Auch die Workshops des Career Service sind ungeheuer gut. Ich habe dadurch Einblicke ins Berufsleben bekommen und schon während der Promotion nützliche Kontakte knüpfen können. Ganz wichtig sind auch professionelle Kommunikationskompetenzen – an deren Ausbildung führt am GCSC kein Weg vorbei. Gerade als Mitarbeiter des Teams wird man in diesem Punkt sehr professionell. Ich bin mir sicher, wer mal am GCSC gearbeitet hat, der braucht sich auf dem Arbeitsmarkt keine Sorgen zu machen. Wie begründest du, aus deiner jetzigen Position als Geschäftsführerin und Arbeitgeberin, deine Zuversicht? Die Vorteile der Gießener Promotion fallen mir gerade in meinem jetzigen Berufsleben auf, wo Kontaktaufnahme und -pflege zu den wichtigsten Aufgaben gehören. Genau wie das GCSC ist auch Arbeiterkind.de in kürzester Zeit rasant gewachsen, und ich muss meine Organisationsprinzipien ständig überdenken, neu strukturieren und optimieren. Ich versuche aber nicht, all meine Fragen und Probleme alleine zu klären. Ich lese nicht nur entsprechende Bücher, sondern spreche auch andere darauf an. Diese Bereitschaft zur Diskussion, seine Probleme zu artikulieren und Feedback einzuholen, ist ja das Grundprinzip der Promotionskolloquien am GCSC. Ich habe diese Kommunikationskultur in meinem Berufsleben bisher als ungeheuer hilfreich empfunden. Außerdem wird man in Gießen auch animiert, Chancen zu ergreifen. Beziehst du diese Motivation auf das Graduiertenzentrum, die Uni oder sogar die Stadt? Eigentlich auf alle. Ich bin mir sicher, in Berlin wäre ich mit meinem Projekt nicht so schnell erfolgreich gewesen. In der Hauptstadt gibt es einfach schon viel zu viele Initiativen, da wären wir vermutlich erstmal untergegangen. Außerdem sind in Gießen die Wege kürzer, real und mental. Die JLU hat mich von Anfang an sehr bei meinem Projekt unterstützt, sie hat mir zum Beispiel Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. In einer kleineren Stadt, an einer kleineren Uni ist es sicherlich einfacher, etwas in Bewegung zu bringen und etwas auszuprobieren. Stichwort: Chancen nutzen? Genau. Natürlich macht man gerade zu Beginn seiner Promotion auch viele unnütze Dinge, die einen im Nachhinein betrachtet nicht weiter gebracht haben. Trotzdem lernt man durch solche Aktionen einzuschätzen, was einen wirklich voran bringt. So traut man sich dann, Chancen zu ergreifen, auch wenn die meistens unerwartet kommen und nicht unbedingt in den Zeitplan passen. Wie zum Beispiel, ein Buch zu schreiben? ![]() Ja, das hat mir eigentlich gar nicht in den Plan gepasst. Das Jahr war ja ohnehin so voll gepackt. Ich wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben. Die Literaturagentin, die mich kontaktiert hat, hat mich allerdings schnell davon überzeugt, dass gerade jetzt ein Bedarf für die Thematik von Arbeiterkind.de besteht. Wissenschaftliche Studien gibt es zwar schon einige zum Thema Ungerechtigkeit im Bildungssystem, ein anschauliches und leicht verständliches Sachbuch gab es aber – meines Wissens – bisher noch nicht. Und nun hast du eines geschrieben und zwar in nur wenigen Monaten. Eine Zeitspanne, von der wohl alle Promovierende träumen, wenn sie an ihre Dissertationen denken… Bestimmt, aber das kann man wirklich nicht vergleichen. Mein Buch basiert im Wesentlichen auf meinen Erfahrungen, die ich während meines Lebens und insbesondere seit Arbeiterkind.de gesammelt habe. Auch für die Interviewpartner konnte ich schon auf meine bestehenden Kontakte zurückgreifen. Dann konnte ich im Grunde genommen meine Geschichte 'runter schreiben'. Das ist wirklich etwas anderes, als das Ringen um jeden Absatz bei wissenschaftlichen Texten. Nächstes Jahr möchte ich mich dann aber auch wieder vermehrt meiner Dissertation widmen. Das klingt nach einem promotionsfreudigen Neujahrsvorsatz? Ich hoffe zumindest, dass ich im neuen Jahr auch wieder öfter dazu kommen werde, an meiner Dissertation zu schreiben. Dadurch, dass ich ständig mit Managementfunktionen beschäftigt bin, freue ich mich ja richtig darauf, mich auch noch mal mit anderen Dingen, also mit meiner Promotion beschäftigen zu dürfen. Weitere Informationen zum Buch von Katja Urbatsch und ihrem Projekt finden Sie auf: www.arbeiterkind.de Das Interview führte Elisa Antz Fotos: Arbeiterkind.de |
|