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News-Board-Eintrag:
CfP: Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute

News-Kategorie:
Eingestellt von: Hans Christian Fromm
Eingestellt am: 17.11.2011

Call for Papers:

Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute

05.07.2012, 14 Uhr bis 06.07.2012, 20 Uhr 
GCSC und GGK, Justus‐Liebig‐Universität Gießen

 
In  der  Kritischen  Theorie  ist  der  Begriff  der  Kultur  mit  der  erhofften  Befreiung  ebenso  innig verbunden wie mit der Gefahr der Erstarrung. Spätestens seit der Erfahrung von Auschwitz dominiert die  Herausarbeitung  des  herrschaftlichen  Charakters  von  Kultur:  In  ihr  sei  die  Unterdrückung  der inneren und äußeren Natur sowie die Herrschaft des Menschen über den Menschen ebenso angelegt wie  der  Rückfall  in  unvermittelte  Gewalt.  Jedoch  hält  insbesondere  Adorno  an  dem  Gedanken  an Emanzipation,  an  die  befreite  Gesellschaft  fest.  Dabei  misst  die  Kritische  Theorie  der  Kultur  eine zentrale Rolle zu: Als Sphäre der Reflexion von Herrschaft ebenso wie als mögliche Statthalterin der Hoffnung auf Emanzipation. Befreiung wird nicht als Befreiung von der Kultur, sondern als Reflexion der Kultur auf ihre unterdrückerischen Züge verstanden. Dies trennt die Texte der Kritischen Theorie deutlich von der konservativen Kulturkritik deutscher Romantiker, mit der sie immer wieder in eins gesetzt wird.  Diese  doppelte  Bedeutung  des  kritisch‐theoretischen  Kulturbegriffs  bildet  den  Ausgangspunkt  der Konferenz Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute.  Ihr Interesse konzentriert sich anhand der  drei  Themenfelder  auf  die  Frage,  inwiefern  die  aktuelle  sozial‐  und  kulturwissenschaftliche Forschung  von  den  kritisch‐theoretischen  Ansätzen  profitieren  kann  und  inwieweit  die  Kritische Theorie angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher und gesellschaftstheoretischer Entwicklungen zu aktualisieren wäre.
 Es  werden  für  jedes  Panel  3  Vorträge  ausgewählt.  Die  Beiträge  sollten  eine  Länge  von  25  Minuten nicht  überschreiten,  an  die  sich  eine  Diskussionszeit  von  weiteren  25  Minuten  anschließen  wird. Abstracts sollen nicht länger als 300 Wörter sein und Kontaktinformationen beinhalten. Sie sollen im pdf‐Format bis zum 27.01.2012 an Kritische‐Theorie‐Konferenz‐2012@gmx.de geschickt werden. Die Betreffzeile  sollte  den  Titel  des  anvisierten  Panels  beinhalten.  Beiträge  aus  allen  Disziplinen  sind willkommen. Die ausgewählten Vorträge werden bis zum 10.03.2012 bekannt gegeben. Es besteht die Möglichkeit einer Fahrtkostenerstattung.
 
Panel I:
Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie

In  der  Dialektik  der  Aufklärung  entwerfen  Adorno  und  Horkheimer  eine  Kulturtheorie,  die  den Prozess der Zivilisation aus der Gleichzeitigkeit von Regression und Fortschritt zu erklären versucht. Innerhalb  dieses  geschichtsphilosophischen  Paradigmas  stellt  sich  für  eine  Kritische  Theorie  der Kultur die Aufgabe, Wege aus der Verstrickung von Aufklärung und Mythos zu suchen, um „die Zivilisation positiv über sich hinauszutreiben. Hat einmal die Zivilisation so sich ausgebreitet und befreit, daß es keinen Hunger mehr auf der Erde gibt, dann wird sie das erfüllen, was alle Kultur bis heute vergebens nur versprach“ (in: Kultur und Zivilisation).
Beiträge  können  aktuelle  gesellschaftliche  Themen  aus  der  Perspektive  der  Kritischen  Theorie erörtern,  um  deren  Potential  und  Grenzen  als  eine  mögliche  Form  zeitgenössischer  Kulturkritik  zu erschließen.  Ebenso  können  dezidiert  theoretische  Zugänge  zum  Thema  oder  kontextualisierende Lesarten der betreffenden Texte vorgeschlagen werden.
Angesichts gegenwärtiger technischer und sozialer Entwicklungen stellt sich die Frage nach Potential und Implikationen eines solchen Zivilisationsbegriffs. Ist er noch haltbar oder gar notwendig für eine kritische Theorie der Kultur?  Im Kontext aktueller globalisierungs‐ und kulturtheoretischer Debatten interessiert sich die Sektion für die  Relevanz,  Aktualität  und  Anschlussmöglichkeit  des  Kulturbegriffs  der  Kritischen  Theorie:  Worin liegt  sein  spezifisches  Potential  für  aktuelle  gesellschaftliche  und  kulturwissenschaftliche  Fragestellungen?  Welche  Einsichten  der  zeitgenössischen  Kulturforschung  erlauben  oder  verlangen  neue  Lesarten  der Kritischen Theorie?  

Panel II:
Kritische Theorie der Bildung

In den bildungstheoretischen Schriften von Adorno und Horkheimer werden die Begriffe der Bildung und Erziehung nahezu synonym verwendet. Bildung wird hier verstanden als Prozess mit dem Ziel der Erfahrungsfähigkeit  und  Mündigkeit.  Bildungsprozesse  sollen  zum  kritischen  Bewusstsein  –  die Erziehung zu Anpassung und Widerstand – führen. Dabei steht die Entbarbarisierung der Menschen im Fokus. Adorno konstatiert: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“ (in: Minima Moralia).
Die Beiträge in diesem Panel können – unter anderem, aber nicht ausschließlich – folgende Fragen thematisieren:
Was wird in der Kritischen Theorie unter dem Begriff der Bildung verstanden? Welche Rolle spielt Bildung für das politische/demokratische Bewusstsein?  Inwiefern stehen Bildung und Erfahrung in einem interdependenten Verhältnis? Welche  normativen  Vorstellungen  von  Gesellschaft  stecken  hinter  dem  Begriff  der  Bildung  der Kritischen Theorie?  Kann das Bildungsverständnis der Kritischen Theorie in Zeiten von G8 und Bologna noch bestehen? 

Panel III:
Kulturelle Differenz im Spiegel Kritischer Theorie

Der Kulturbegriff der älteren Kritischen Theorie ist ausdifferenziert durch das in ihm ausgearbeitete Verhältnis von Herrschaft und Befreiung, von Zivilisation und Barbarei. Die neuere Kritische Theorie legt  im  Gedanken  an  kulturelle  Differenz  eine  stärkere  Betonung  darauf,  dass  Kultur  nicht  nur  im Singular  existiert.  Beide  Denkrichtungen  ziehen  aus  unterschiedlichen  Gründen  den  Vorwurf  des Eurozentrismus  auf  sich.  Adorno  zeigt  jedoch  bereits  früh  eine  Herangehensweise  an  einen Kulturbegriff  auf,  der  einen  differenzierten,  stets  auf  Freiheit  orientierten  Umgang  gestattet.  Eine Aktualisierung  der  Kritischen  Theorie  kann  eine  Brücke  zwischen  Adornos  universalistischem  Kritik‐ und Freiheitsbegriff einerseits und der Realität differenter Vorstellungen andererseits schlagen. Nicht zurückfallen  darf  sie  hinter  sein  Insistieren:  „[E]s  kommt  darauf  an,  daß  man  am  eigenen  wie  am anderen  des  kritischen  Gedankens  mächtig  bleibt“  (in:  Kultur  und  Culture),  denn  nur  „solche Gedanken  haben  eine  Chance,  [...]  welche  die  Idee  der  Kultur  nicht  weniger  herausfordern  als  die Wirklichkeit der Barbarei“ (in: Spengler nach dem Untergang).
Die Beiträge in diesem Panel können folgende Fragen thematisieren:
Inwiefern  bieten  die  kulturtheoretischen  Texte  der  älteren  Kritischen  Theorie  einen  Ansatzpunkt  für die Thematisierung aktueller Debatten um Kultur und kulturelle Differenz? Inwiefern  ist  die  Kritische  Theorie  als  Produkt  europäischer  Geistesgeschichte  in  ihrem Geltungsbereich  eingeschränkt  und  bedarf  angesichts  universalismuskritischer  und  postkolonialer Literatur einer Revision?  Inwiefern  sind  umgekehrt  heutige  Debatten  um  kulturelle  Differenz  nach  den  Maßgaben  Kritischer Theorie selbst problematisch?  In  welchem  Verhältnis  stehen  die  anerkennungstheoretischen  und  kommunikationstheoretischen Ansätze der neueren Kritischen Theorie zur älteren Kritischen Theorie, insbesondere in der Frage nach Umgangsmöglichkeiten mit kultureller Differenz?