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| Eingestellt von: | Marcus Kleppe |
| Eingestellt am: | 25.08.2010 |
Vor dem Start in die lang ersehnte Sommerpause informierten sich fünfzig DoktorandInnen aus sechs Uni-Städten am Samstag, den 17. Juli 2010, auf dem Karrierekongress von GGK und GCSC im Foyer der Stadtsparkasse Gießen über „Karrierewege als Lebenswege“. Nicht nur aus Gießen, auch aus Frankfurt, Göttingen, Kassel, Marburg und sogar München reisten die Promovierenden an, um Fragen rund um die ganzheitliche Karriere- und Lebensplanung mit ausgewiesenen ExpertInnen zu diskutieren. Im Vordergrund standen dabei Fragen des geglückten Berufseinstiegs nach der Promotion, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, neue Arbeitsformen und prekäre Arbeitssituationen sowie die Gleichstellung von Mann und Frau im Berufsleben. Nach den anregenden Vorträgen tauschten die TeilnehmerInnen ihre ganz persönlichen Erfahrungen im abschließenden Panel aus und diskutierten offen über private und berufliche Biografien. Dabei betonten die ReferentInnen und DoktorandInnen im Gespräch immer wieder, wie wichtig es für die Arbeitsmoral sei, ab und an ein Stück unverplanter Freizeit zu genießen. Die Wirklichkeit sieht jedoch oft anders aus. Vor allem in den kulturwissenschaftlichen Disziplinen sei die Gefahr, sich aufzureiben, groß, denn nur wer für sein Fach brenne, könne auch ausbrennen, konstatierte der Offenbacher Psychologe, Coach und Unternehmensberater Werner Gross in dem Eröffnungsvortrag „Erfolgreich gescheitert? – Seelische Kosten der Karriere“. In seinem Vortrag skizzierte Gross das Dilemma, das viele, insbesondere hochqualifizierte und hochmotivierte Berufstätige aus eigener leidvoller Erfahrung kennen. Was früher nur für Manager galt, treffe heute auch auf den normalen Arbeitnehmer zu. Aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse, ständiger Erreichbarkeit und gestiegener Anforderungen im Beruf leiden häufig die Familie, die Gesundheit, Freizeit und Freunde unter der enormen Arbeitsbelastung. Genau in diesen Bereichen aber liege das größte Potential, um Kraft für die Herausforderungen im Beruf zu „tanken“. ![]() Damit sich die Frage „Karriere oder Familie?“ erst gar nicht stellt, empfiehlt es sich, frühzeitig geeignete Coping-Strategien zu entwickeln – und sich in regelmäßigen Intervallen die „Sinnfrage“ zu stellen. Denn häufig seien es gar nicht die eigenen Ziele, denen man die eigenen Wünsche und Bedürfnisse bis hin zur Selbstaufgabe unterordne. Eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden wirke sich in vielen Fällen karrierefördernd aus, denn, so resümierte Gross, „eine gute Karriere ist kein Sprint, sondern ein Marathon“ – und für diesen brauche man schließlich ausreichend Kraftreserven. Die Entgrenzung und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts stelle ArbeitnehmerInnen, Partnerschaften und Familien vor neue Herausforderungen, bestätigte Dr. Karin Jurczyk vom Deutschen Jugend-Institut München in ihrer kritischen Analyse der gesellschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen für eine gute Work-Life-Balance. Ihr Vortrag warf die Frage auf, ob es sich bei der Karriere- und Lebensplanung um eine mission possible handele – oder doch eher eine mission impossible? Eine lange und unsichere Berufseinmündungsphase, die Verschränkung von Beruf und Privatleben, Diskontinuitäten im Erwerbsverlauf und dauerhaft prekäre Arbeitsverhältnisse sowie die Zunahme von Zwangsselbständigkeit und projektförmiger Arbeit erschwerten die private Lebensplanung und richteten den Fokus dauerhaft auf die berufliche Situation. Egal ob selbständig oder angestellt, hochqualifizierte Arbeitskräfte seien – mit den Worten von Ulrich Bröckling – auf ein „Unternehmertum in eigener Sache“ angewiesen. Dies erfordere in allen Lebensbereichen ein hohes Maß an Selbstorganisation, Teamfähigkeit und Kreativität, da insbesondere die gesellschaftlichen Institutionen bisher noch keine adäquaten Maßnahmen zur Rahmung individueller Arbeits- und Lebensentwürfe bereitstellten, um nachhaltige Work-Life-Balance-Strategien zu fördern. Dies werde jedoch oft als ein individuelles Problem der Frau(en) betrachtet. Besonders deutlich wird dieses Problem in der Diskrepanz von Betreuungsangeboten für Kinder und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Die Kompensation erfolgt durch weniger Schlaf und weniger Freizeit. Familienfreundliche Unternehmen setzten hier an, um der Spirale aus weniger Freizeit und stetig abnehmender Leistungsfähigkeit zu begegnen. Familienfreundlichkeit rechnet sich. Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage: Handelt es sich bei nachhaltigen Strategien für eine gelungene Work-Life-Balance um eine individuelle und eigenverantwortliche Aufgabe oder um eine institutionelle Aufgabe? Die Antwort von Karin Jurczyk lautet: Individuellen Strategien müssen institutionell gerahmt werden. Einen nachahmenswerten Ansatz liefert die HAWK Hildesheim. Die Studienabbruchquote senken und die Studienzeiten verkürzen, so lauteten die offiziellen Zielvorgaben des Projekts familienfreundliche Hochschule. Mit diesem Projekt reagierte die Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft auf die gegenwärtigen Herausforderungen, die sich insbesondere für Studierende mit Kind ergeben, und stärkt zugleich den Stellenwert der Familie. In ihrem Vortrag „Menschenfreundliche Hochschule: Initiativen zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie“ stellte Ingrid Haasper, Fakultätsgleichstellungsbeauftragte an der HAWK, die Vision einer menschenfreundlichen Hochschule vor. Wie viele gute Ideen so nahm auch diese Idee ihren Anfang bei einem gemeinsamen Mittagessen. Drei berufstätige Mütter der HAWK Hildesheim entwickelten ein Konzept, um den beruflichen Alltag mit Kindern besser zu meistern. Ihre Vision: eine flexible und verlässliche Kinderbetreuung für Berufstätige und Studierende an der HAWK. Seither ist viel passiert. War zunächst vor allem Improvisationstalent gefragt, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, so können die Beschäftigten und Studierenden der HAWK heute auf eine mobile Betreuung und eine Modellkrippe für Kinder ab neun Monaten zurückgreifen. „Wir brauchen vor allem intern Akzeptanz und Verständnis, damit man uns nicht in die ‚Frauenecke‘ drängt“, so Ingrid Haasper, eine der Gründungsmütter des Projekts familienfreundliche Hochschule. Schließlich wollen immer mehr Männer nicht nur „Freizeit-Väter“ sein und ihre Vaterrolle aktiv wahrnehmen. Auch sie profitierten von dem attraktiven Angebot einer familienfreundlichen Hochschule. Für die Zukunft wünscht sich Ingrid Haasper vor allem Kontinuität und Nachhaltigkeit und einen stetigen Ausbau der familiengerechten Hochschule. Dieser Ausbau mache die Hochschule für alle Mitglieder attraktiver und spreche darüber hinaus neue Zielgruppen an. Zu ihrer Vision einer ‚menschenfreundlichen Hochschule‘ gehört vor allem die Möglichkeit, die Betreuung von pflegebedürftigen Familienangehörigen zu übernehmen. Zu den Maßnahmen zählen bereits jetzt Telearbeitsplätze für Beschäftigte bzw. die Möglichkeit zur Heimarbeit, der Ausbau des E-Learning-Angebots und von Blended-Learning-Veranstaltungen für Studierende, ein Nachteilsaugleich in der Studien- und Prüfungsordnung und die Möglichkeit, 50% der Studiengänge als Teilzeitstudiengänge zu belegen. Durch diese Neuausrichtung nimmt die HAWK eine Vorreiterrolle im universitären Umfeld ein, die bereits mehrfach prämiert wurde. „Selbständigkeit als Chance begreifen“, so lautete das Plädoyer von Dr. Maria Kräuter, selbständige Unternehmensberaterin, im letzten Vortrag des Tages. „Schluss mit ‚Warten auf Godot‘: Arbeitsmarktchancen für Geistes- und Sozialwissenschaftler“ räumt mit der Vorstellung auf, die gute Erwerbstätigkeit sei allein die Festanstellung. Die Selbständigkeit hingegen eine Notlösung für Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen, denen der Königsweg ‚Festanstellung‘ verwehrt bleibe. Da es keinen originären Arbeitsmarkt für Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen gebe, sehen sich viele Absolventen dieser Studiengänge in die Selbständigkeit gedrängt, ohne zu realisieren, dass sie mit diesem Schritt eine Erfolgsgeschichte beginnen können. Im Gegenteil sabotierten die Zwangsselbständigen nicht selten den eigenen Erfolg, indem sie nicht an die eigenen Erfolgschancen glaubten. Dabei zeichnen sich gerade promovierte Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen neben der Fähigkeit zum komplexen Denken auch durch eine hohe Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen aus. Beste Voraussetzungen, um als Selbständige zu bestehen, da diese besonders häufig mit Rückschlägen zurechtkommen müssen. Maria Kräuter hatte nach dem Studium und der Promotion keinen beruflichen Masterplan. Sie besann sich auf die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, die sie während der Promotion erworben hatte. In die Gründungsberatung sei sie hineingewachsen. Neben den soft skills von Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen halfen ihr dabei vor allem Netzwerkbildung, Kontaktpflege und eine ausgeprägte Arbeitsmarktorientierung. Entscheidend bei dem Schritt in die Selbständigkeit sei allerdings der Glaube an sich selbst gewesen und die Überzeugung – frei nach Martin Walser –, dass sich „dem Gehenden der Weg unter die Füße schiebe“. Aus diesem Grund appellierte Kräuter an die DoktorandInnen, die eigenen soft skills als veritable Kompetenzen zu betrachten und diese gezielt einzusetzen. Dies werde den DoktorandInnen helfen, beruflich und privat ihren eigenen Weg zu gehen. ![]() Dass sich Karriere- und Lebenswege auf vielfältige Weisen überschneiden und kreuzen können, wurde auch im abschließenden Panel, moderiert von Beatrice Michaelis, Forschungskoordinatorin am GCSC, deutlich. Hier stellten die Referentinnen Dr. Maria Kräuter und Dr. Karin Jurczyk, die Doktorandin Kirsten Pohl, GCSC-Postdoc Wim Peeters und Dr. Michael Basseler, Mitarbeiter am Institut für Anglistik, ihre beruflichen und privaten Biografien vor. Dabei stellte sich heraus, dass es sich auszahlt, bei der Karriereplanung auf die Lebensqualität zu achten. Ein Statement von Professor Horst Carl, Professor für Neuere Geschichte an der JLU Gießen, fasste die positiven Effekte einer gelungenen Work-Life-Balance zusammen: „Ich habe die Erfahrung gemacht, jedes Kind kostet ein Buch. Aber zugleich lernt man durch den Umgang mit den eigenen Kindern die besten Argumentationsstrategien und gewinnt an Durchsetzungsfähigkeit im Beruf.“ Ein positives Fazit zog auch Kirsten Pohl, ehemalige Assistentin der Geschäftsleitung am GCSC, die vor kurzem eine Stelle am Zentrum für Wissenschaftsmanagement in Speyer antrat: „Dieser Karrierekongress gibt mir das notwendige Rüstzeug mit, um mich in der Berufseinmündungsphase nicht aufzureiben und mit meinen persönlichen Ressourcen schonend umzugehen. Dadurch bin ich nicht nur motiviert, sondern auch zuversichtlich, im Beruf mein Bestes zu geben.“ Text: Christiane Struth Fotos: Katharina Luh |
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