Nur der Kamin fehlte. Sonst stimmte alles bei dieser ursprünglich als Kamingespräch angekündigten experimentellen Diskussionsrunde über Wissenschaft, Gesellschaft und den Sinn von alledem. Mehr Gäste als erwartet waren der Einladung der Research Area Performativity gefolgt, und nachdem sie durch weitere Stühle das ästhetisch arrangierte Rechteck zu einer Runde erweitert hatten, waren sie mindestens so diskussionsfreudig wie erwartet. Die Frage, warum wir eigentlich forschen, und wenn überhaupt, welchen gesellschaftlichen impact wir als Kulturwissenschaften Betreibende eigentlich haben, hatte Studierende und DoktorandInnen ebenso wie PostdoktorandInnen und ProfessorInnen ins GCSC gelockt. Den Auftakt gaben vier persönlich-biographische Statements, die ganz unterschiedliche Perspektiven und Antworten auf die Titelfrage gaben. Peter Krämer, Filmwissenschaftler an der University of East Anglia und extra in die Stadt seiner Schulzeit angereist, unterteilte die Antwortmöglichkeiten zunächst in vier Ebenen: Man könne die Frage erstens durch die Befriedigung persönlicher Neugierde beim Forschen beantworten, zweitens als berufliche Tätigkeit, durch die man Geld verdient. Drittens könne ein Antrieb sein, zum Wissensfortschritt innerhalb einer kollektiven Unternehmung beizutragen, wie es die eigene Disziplin oder auch interdisziplinäre Wissenschaftsgebiete sind. Viertens schließlich stelle sich die Frage nach den potentiellen Auswirkungen dieses Wissensfortschritts auf die gesellschaftliche Entwicklung. Letzteres müssen ForscherInnen und Universitäten in Großbritannien seit Kurzem für Evaluationen nachweisen, was insbesondere Kulturwissenschaften vor die schwierige Frage der Messbarkeit stellt. Die Frage nach dem Sinn von alledem stelle er sich aber auch selbst, wenn er etwa den negativen impact wie die Umweltbelastungen durch ständige Konferenzreisen oder aber die Finanzierung seiner Universität über hohe Studiengebühren von Studierenden ärmerer Länder bedenke. Sprach Krämer aus der Perspective der mid-career reflection (mcr), stellte daraufhin Marie Lottmann, seit Oktober GCSC-Stipendiatin und also noch recht frische Nachwuchswissenschaftlerin, ihre provokanten Thesen in den Raum: Wirkliche Gesellschaftskritik will das Universitätssystem gar nicht, das ja gerade nicht der Gesellschaft gegenübersteht, sondern deren Teil ist. Wenn also die Frage nach einem wie auch immer gearteten impact innerhalb des Systems gestellt werde, sei es zwangsläufig ein affirmativer. In diesem Sinne hielt sie ein Plädoyer für Kritik am System gerade durch maximale Nutzlosigkeit der eigenen Forschung und Spaß daran. Der Zuruf eines anderen Doktoranden, genau dieses kritische Denken habe sie doch an der Uni gelernt, führte zur Erheiterung des ohnehin gespannt lauschenden Publikums, blieb aber nicht unwidersprochen: Gerade weil man an der Uni das kritische Denken auch hervorragend verlernen könne, gehe es um eine Kritik an den Ordnungen des Denkens selbst und dessen Bedingungen, also darum, das System Uni zu destabilisieren. Deutlich zufriedener mit der eigenen Kritikfähigkeit innerhalb der Universität schien Wolfgang Hallet, der sich nach längerer außeruniversitärer Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter recht spät für den Schritt in die universitäre Forschung entschieden hat. Da es auch außerhalb der Uni keine theorielose Tätigkeit gebe, wollte er als Didaktiker erforschen, warum wir in der Lehre welcher (zum Teil subjektiven) Theorie folgen und welche Alternativen es eventuell gäbe. Als Gutachter für von der Politik eingeführte Bildungsstandards hat Hallet ein recht konkretes Bewusstsein seines gesellschaftlichen impacts. Ziel der schulischen wie universitären Lehre sollte dabei immer sein, das Individuum dazu zu befähigen, gesellschaftliche Zukünfte zu gestalten. Weil dieses Entwürfe-Machen (designing social futures) immer etwas Spielerisches habe, sei auch der sowohl von Peter Krämer als auch Marie Lottmann erwähnte persönlich Spaßfaktor beim Forschen vertreten. Ihr impact außerhalb der Universität lasse sich ganz schön daran ablesen, dass ein von ihr herausgegebenes Buch bei Amazon unter Sex- und Erotikratgebern firmiere, leitete Beatrice Michaelis, die als Forschungskoordinatorin des GCSC aus der Position einer Postdoktorandin sprach, ihr Statement ein. In der Tradition der Queer Studies sei es für sie schon während des Studiums selbstverständlich gewesen, das System Uni nicht als abgeschottetes zu sehen, sondern wahrzunehmen, was an queer activism sonst in der Gesellschaft vorhanden ist und mit diesem in Kontakt zu bleiben. In einer Art Disidentifikation mit der Universität gehe es ihr auch darum, diese von innen heraus zu verändern, schon als Studierende durch Projekttutorien, nun etwa indem bei Tagungen auch solche Aktivist_innen eingeladen werden und ihre Kritik in den altehrwürdigen Räumen äußern können. Nach so vielen Anknüpfungspunkten entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion in der ganzen Runde, die durch den Moderator nach 22 Uhr unterbrochen und auf noch informellere Runden bei schmackhafter Himbeercreme und Bionade, Bier und weiteren Köstlichkeiten verlagert wurde. Dort wurde noch bis Mitternacht weiter diskutiert. Es ging u. a. um die Verpflichtung zur eigenen Vermittlerrolle, die notwendige Reflexion eigener Normen, die gesellschaftliche Wirksamkeit kulturwissenschaftlicher Denkmuster wie etwa des Interkulturalitätsparadigmas, die durchaus fragwürdige Züge annehmen kann, die Rolle der Universitäten, die durch Graduiertheit das Klassenprivileg der Mittelschicht abstempeln, aber auch die Möglichkeiten, durch die zunehmende Internationalisierung von Forschung die Grenzen des eigenen kritischen Denkens auszuloten, indem man sie der Kritik anderer, insbesondere außereuropäischer Forschender aussetzt. Die Frage bleibt, ob mit dem Begriff impact nicht zu sehr einer betriebswirtschaftlichen Logik kurzfristiger Erträge das Wort geredet wird, hat doch die Geschichte mehrfach bewiesen, das manche zunächst scheinbar impact-lose Theorie langfristig gesellschaftliches Denken massiv verändert hat. Wichtig ist also immer, wer diese Frage nach dem impact eigentlich stellt; und an wen; und zu welchem Zweck. In der sonst sehr kontroversen Debatte waren sich jedenfalls alle einig, dass es gut war, sie an diesem Abend uns selbst gestellt zu haben, um unser eigenes Tun zu reflektieren. Auch das Format dafür war ideal, weshalb die Research Area über eine Fortsetzung im nächsten Semester nachdenkt. Dann hoffentlich mit Kamin. © Mirjam Bitter
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