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News-Board-Eintrag:
Von „In-Vitro-Fertilisation als globaler Form“ bis zu „Konfigurationen des Fremden“ - Keynote Lectures am GCSC

News-Kategorie:
Eingestellt von: Elisa Antz
Eingestellt am: 16.08.2009

Von „In-Vitro-Fertilisation als globaler Form“ (Michi Knecht) bis zu „Konfigurationen des Fremden“ (Wolfgang Müller-Funk) reichten die Themen der Keynote Lectures in den vergangenen zwei Semestern. Ebenso divers wie anschlussfähig spiegelten sie dabei das kulturwissenschaftliche Forschungsspektrum des GCSC wider und boten gleichzeitig neue Impulse für Diskussionen und Projekte.

Beispielhaft dafür ist der Vortrag des renommierten Literaturwissenschaftlers Hans-Ulrich Gumbrecht. Unter dem Titel „Wird das 21. Jahrhundert ein aristotelisches sein? Gegen den Konstruktivismus“ wandte der Komparatist sein analytisches Augenmerk auf: Dinge. Denn unsere gegenwärtige kulturelle Situation bezeichnete Gumbrecht als eine des „Ich denke, also bin ich“ und zunehmend als elektronischen Albtraum. Vor diesem Hintergrund ging er zwei zentralen Fragen nach: Wäre es wünschenswert, auf eine Beziehung zu den Dingen zurückzugreifen, die unmittelbarer und weniger konstruktivistisch wäre? Und: Können wir derzeit Anzeichen und Symptome eines solchen Wunsches, gar einer Rückkehr zu einer unmittelbareren Beziehung zu den Dingen in der Welt ausmachen?

NLOkt09_KLBM Demgegenüber widmete sich Doris Bachmann-Medick den Verbindungen zwischen verschiedenen Disziplinen und Entwicklungen von fächerübergreifenden Diskursen. Die Transformation des Konzepts der Hybridität hin zu einem Konzept von Übersetzung führte Bachmann-Medick zu den weiter gehenden Fragen, inwiefern diese ‚Reise’ des Hybriditätskonzepts geradezu das Konzept von travelling concepts/travelling theories überhaupt verändert.

Neben den travelling concepts waren kulturwissenschaftliche turns ein weiterer Begriff, der das Verständnis von und den Umgang mit Kulturwissenschaften am GCSC wesentlich prägte. Im Sommersemester 2009 hinterfragte Herbert Grabes, inwieweit die so genannten turns zum Erkenntnisgewinn in den Literatur- und Kulturwissenschaften beitragen können. Damit bot sein Vortrag „Theory Coming in Turns: Heuristics, Epistemology and Fashion” vielseitige Anhaltspunkte für andauernde Diskussionen.

Unter dem Titel „’The African Mind’: Psychotechniken und Macht – Zur globalen Kulturgeschichte europäischer ‚Entwicklungshilfe’ in Afrika, 1920 – 1975“ stellte Hubertus Büschel, seit Sommersemester Juniorprofessor am GCSC, Kernthesen seiner Forschungsarbeit vor, in der er gerade die vermeintlich wohlwollenden Bemühungen von Europäern zur Verbesserung afrikanischer Lebensumstände kritisch auf deren abwertende Subtexte untersucht. NLOkt09_KLStrowickIn der Anschlussdiskussion traten insbesondere Fragen zur heutigen Situation der Entwicklungshilfe in den Vordergrund, genauer gesagt zur Möglichkeit von Hilfsvarianten, deren Diskurse keine neuerliche Bekräftigung europäischer Überlegenheit bedeuten würden.
Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Strowick ging in ihrem Vortrag „Verdacht: Zeichen der Moderne“ von der These aus, dass die Moderne bestimmte Arten des Verdachts (z.B. Formen des Ressentiments und Praktiken der Selbstdisziplinierung) hervorgebracht hat, und durchleuchtete die hierin angelegte Allianz von moderner humanwissenschaftlicher Wissensproduktion und Technologien des Selbst mit Bezug auf Texte Franz Kafkas.

Der größte Teil der weiteren Lectures wurde von den GCSC-Senior Fellows angeboten. „Gerade die Keynote Lectures bieten eine gute Gelegenheit, um unsere Gastwissenschaftler und ihre Forschungsvorhaben kennen zu lernen“, erklärt Nadine Pippel, die am GCSC für Curriculum und Evaluation zuständig ist. „In der Regel veranstalten die Senior Fellows auch Master Classes oder Workshops, deren thematische Ausrichtung den Keynote Lectures entspricht.“

NLOkt09_KLFunkSo konnten TeilnehmerInnen an Wolfgang Müller-Funks Lehrveranstaltungen auf die „Konfigurationen des Fremden: Alteritätsdiskurse im globalen Kontext“ zurückgreifen, die der Literatur- und Kulturwissenschaftler bereits in seiner Vorlesung anhand des Films Babel dargestellt hatte. Vor dem Hintergrund heutiger wissenschaftsgeschichtlicher Forschungen zu europäischen Religionstheorien im Modernisierungskontext bot Ulrike Brunotte mit ihrem Vortrag „Bild, Ritual und Geschlecht. NLOkt09_KLKnechtJane E. Harrisons Werk im Kontext moderner Aneignungen der Antike um 1900“ einen Einblick in Werk und Denken einer der ersten Religionsforscherinnen. Unter dem Titel “Commemorating Death, Obscuring Life? The Conundrums of Memorialization” rückte Leora Auslander am Beispiel von Shoah, Sklavenhandel und der Ausrottung amerikanischer Ureinwohner die Frage nach angemessenen Arten des Erinnerns ins Zentrum des Interesses. Und schließlich näherte sich Michi Knecht dem ethisch brisanten Thema „In-VitroFertilisation als globale Form: Ethnographisches Wissen und die Transnationalisierung von Reproduktionstechnologien.“

Auch die Workshops der Senior Teaching Fellows Thomas Weber und Martha Blassnigg schlossen inhaltlich dicht an ihre Vorträge an. Thomas Weber präsentierte „Das mediologische Feld“ als ergiebigen Denkansatz für eine Analyse der komplexen Korrelation von Ästhetik, Technik und Ökonomie, die den Prozess der kulturellen Übermittlung strukturiert. Martha Blassnigg verband in ihrer Vorlesung „Beyond 24 Times a Second: From the Immanence of Motion to Memory in Action” Theorien von Henri Bergson und Aby Warburg unter Aspekten von Zeit, Bewegung und Ästhetik. Darüber hinaus setzte Blassnigg ihre Forschungsinteressen auf ganz besondere Weise in Beziehung zur Justus-Liebig-Universität. Gemeinsam mit Professor Michael Punt gab sie im Margarete-Bieber-Saal einen Vortrag über „Early Cinema and the Liebig-Bilder. Science, Technology and Popular Culture“, der noch so manchem Bewohner Gießens im wahrsten Sinne des Wortes ein neues ‚Bild’ vom Unternehmergeist des berühmten Chemiker Justus von Liebig und dessen Produkten – allen voran „Liebigs Fleischextrakt“ – vermitteln konnte.

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Text: Elisa Antz
Fotos: Katharina Luh (Bachmann-Medick, Müller-Funk, Blassnigg) und Christoforos Mechanezidis (Strowick, Knecht)