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| Eingestellt von: | Elisa Antz |
| Eingestellt am: | 16.12.2008 |
In Geschichten verstrickt – Eine Tagung der Research Area Culture and Narration begab sich auf die Suche nach Fakten und Fiktionen Vom 5.-7. Dezember fand die Tagung "Narrative Networks" im Alexander-von-Humboldt-Gästehaus der Justus-Liebig-Universität statt. Organisiert wurde die Veranstaltung mit 22 erkenntnisreichen Vorträgen von der Research Area Culture and Narration. Der Mensch ist schon als Handelnder immer in Geschichten verstrickt, die Vorgänge Handeln-Erleben-Wahrnehmen-Erzählen lassen sich also nicht sauber voneinander trennen und linear anordnen. Auf diese Erkenntnis des Juristen und nebenberuflichen Philosophen Wilhelm Schapp griff Dr. Axel Rüth (Köln) bei seinem Keynote-Vortrag zum Verhältnis von Fiktionalität, Narration und Kultur am ersten Tagungstag von "Narrative Networks: Kultur und Narration im Spannungsfeld von Fakten und Fiktionen" zurück. Zu der Tagung mit ihren 22 erkenntnisreichen Vorträgen eingeladen hatte die GCSC-Research Area Culture and Narration vom 5.-7. Dezember im Gästehaus der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ganz im Sinne der Ubiquität von Erzählungen und der Erkenntnis, dass literarische Erzählungen, folgt man Prof. Wolfgang Müller-Funk (Wien), nur den Sonderfall einer generellen Praxis unserer Kultur darstellen, wurden narrative Netzwerke über Disziplinengrenzen hinweg geknüpft. So beschrieb etwa Barbara Dieris aus Münster, welche zusätzlichen Erkenntnisse das Einbeziehen literarisch-fiktionaler Texte für ihre psychologische Analyse erbrachten; und auch die Pädagogin Claudia El Hawary aus Köln zieht im Rahmen interkultureller Bildungsforschung und Untersuchungen zu Sprachmigration autobiographische Romane mit heran, da diese das Material bereits anordnen und deuten und eine entwickeltere Reflexionskompetenz vorweisen als die Erzählungen narrativer Interviews. Keynote Speaker PD Dr. Gerald Echterhoff (Bremen) erläuterte aus psychologischer Sicht seine datengestützte Erkenntnis, dass Erzählen nicht nur die Zuhörer, sondern den Erzähler selbst beeinflussen kann, der durch das Anpassen seiner Geschichte an die angenommene Meinung der Zuhörer seine eigene Erinnerung modifiziert. Dass Fiktionalisierung – vielleicht durch eben jenen Effekt? – eine Möglichkeit sein kann, mit faktischen und eventuell traumatischen Ereignissen der beiden Weltkriege umzugehen, wurde ebenso anhand verschiedener Vorträge verdeutlicht, wie scheinbar eindeutig faktuale Texte, etwa offizielle Berichte über den Untergang der "Estonia", auf ihre Erzählstrategien untersucht und mit solchen fiktionaler Filme verglichen wurden. Die Macht der Fiktion in einer Erzählgemeinschaft zeigt sich besonders deutlich an kulturellen Ursprungsnarrativen. Am Beispiel von John Fords Western The Man Who Shot Liberty Valance veranschaulichte der Gießener Kultursoziologe PD Dr. Jörn Ahrens den darin enthaltenen sozialen Gründungsmythos der USA, handelt doch der Western stets von der Urbarmachung der Wildnis. Dabei muss das Gründungsereignis, das hier dem archaischen Opfer ähnelt, gar nicht wirklich stattgefunden haben, solange es eine Geschichte gibt, die dies behauptet. Während Melina Gehring im zunehmend menschlichen Antlitz des Minotaurus in zeitgenössischen Adaptionen aus den USA eher eine Entmythisierung vorfand, ist in der Erzählgemeinschaft Islands für mindestens 80 Prozent der Einwohner Fakt, was andere Europäer eindeutig der Fiktion zuordnen würden: das unsichtbare Huldufolk. Mit dieser poetischen Aufladung des isländischen Alltags wird nach Maren Conrad (Kiel) der bei drei Einwohnern pro Quadratkilometer recht weite Raum zwischen den Einwohnern Islands mit Narration gefüllt und die Erzählgemeinschaft durch die Elfenpopulation narrativ vergrößert. Dass es nicht nur im heutigen Europa Unterschiede in der Wahrnehmung von Fakten und Fiktionen gibt, sondern dass die Klassifizierung eines Textes als fiktional oder faktual auch von historischen Wandlungen abhängt, zeigt sich an einer Textsorte wie der Heiligenlegende, deren bildlicher Darstellung sowie den Erzählstrategien des Mediums Bild sich Miriam Hoffmann (Kiel) widmete. Die Unwahrheitsvermutung gegenüber Erzählungen, die sich im österreichischen Ausspruch "Erzähl keine G’schichtn!" kondensiert, lässt sich nicht nur auf inhaltlicher Ebene untersuchen. Auch strukturell können Texte lügen, wie der Wiener Germanist und Philosoph Prof. Wolfgang Müller-Funk, der im kommenden Semester Senior Research Fellow am GCSC sein wird, in seinem Keynote-Vortrag "Zur Ethik der Ästhetik des Erzählens" plausibel anhand der in Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens kritisierten epischen Naivitität journalistischer Kriegserzählungen veranschaulichte. In den vernetzenden Diskussionen, deren Fruchtbarkeit und Kollegialität im Abschlussgespräch besonders gelobt wurden, konnte allerdings ebenso wenig abschließend geklärt werden, wo in diesem Geschichtengeflecht, in dem wir uns alle befinden, der Ort des Erzählers ist – oder ob es sich eher um ein multidimensionales, nicht-hierarchisches, dezentrales Netzwerk in beständiger Transformation wie etwa das Rhizom handelt, das Daniela Meinhardt (Gießen) am Beispiel des Wissensmodells in Umberto Ecos Il pendolo di Foucault erläuterte –, wie die Frage nach den möglichen Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen, die je nach Perspektive anders gezogen werden, allerdings gerade durch das beständige Überschreiten sichtbar werden. Das Netz aus wissenschaftlichen Narrationen wird zunächst ein ausführlicher Tagungsbericht weiterspinnen, den die sechs OrganisatorInnen im Rahmen unseres Rezensionsmagazins KULT_online veröffentlichen werden. Darüber hinaus steht die Publikation eines Tagungsbandes in Aussicht. Mirjam Bitter © Foto: Katharina Luh |
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