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News-Board-Eintrag:
Von Höfischen Kompromissen bis zu Nina Hagen – Ein Rückblick auf unsere Master Classes

News-Kategorie:
Eingestellt von: Mirjam Bitter
Eingestellt am: 21.08.2008

In einer Reihe von Master Classes diskutierten die DoktorandInnen des Graduiertenzentrums im Sommersemester mit renommierten WissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland. Referenten wie Prof. Jan-Dirk Müller, Prof. Theo D’Haen, Prof. Bo Pettersson und Prof. Moritz Baßler gaben den NachwuchswissenschaftlerInnen Einblicke in zentrale kulturwissenschaftliche Themen, Theorien und Methoden.

Mit dem Münchner Jan-Dirk Müller war am 15. und 16. Mai einer der prominentesten Vertreter der germanistischen Mediävistik zu Gast am Graduiertenzentrum. War die Mediävistik immer schon eine stark kulturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplin, so haben die Arbeiten Müllers, die sich keineswegs nur im Bereich der mittelalterlichen deutschen Literatur bewegen (Dissertation über „Wielands späte Romane“, Habilitation über „Gedechtnus – Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I.“), diese Bestrebungen stark forciert. Auch sein Besuch am GCSC stand folglich ganz im Zeichen der „Textwissenschaft als Kulturwissenschaft“. Der Vortrag „Heros und Heiliger. Zum schwierigen Prozess der Verschmelzung zweier Kulturen“ zeigte anhand zweier Fassungen der Christophoruslegende eindrücklich, dass das oft propagierte Bild eines einheitlichen christlichen Mittelalters ein Phantasma par exzellance ist. Unter den Schlagworten „heiliger Heros“ und „heroischer Heiliger“ schilderte Müller, wie in den Texten zwei Kulturen, nämlich die höfisch-weltliche und die christliche, durch Assimilation und Hybridisierung überblendet werden, indem die Legendenhandlung durch Einwirkung heroischer Erzähltradition zur âventiuren Fahrt umcodiert wird. In der anschließenden Diskussion konnte Müller anhand einiger gezielter Nachfragen seine Thesen nochmals verdeutlichen. Die Master Class hatte auf Wunsch der TeilnehmerInnen Müllers jüngstes Buch „Höfische Kompromisse. Acht Kapitel zur höfischen Epik“ zur Grundlage. Im Zentrum des ersten Teils der Master Class stand das Theoriekapitel dieses Buches, in dem Müller zeigt, wie aus im kulturell Imaginären verankerten Erzählkernen, die sich an einzelnen Problemkonstellationen mit Konfliktpotential anlagern, immer neue Erzählmuster generiert werden, die sich an eben diesen Konstellationen abarbeiten, indem sie verschiedene Lösungsmuster durchspielen und mögliche Alternativen verwerfen. Für die TeilnehmerInnen war es dabei eine äußerst positive Erfahrung, mit einer Koryphäe wie Müller ausführlich diskutieren zu können, vor allem, da die Diskussion dank der freundlichen und persönlichen Art Müllers in konzentrierter, aber auch entspannter Atmosphäre stattfand.

Jan-Dirk MüllerAus Belgien reiste Theo D’Haen für seine Master Class am 2. Juni nach Gießen. Theo D’Haen ist seit 2002 als Professor für amerikanische Literatur an der Universität Leiden und Partner des GCSC im Rahmen des Hermes Netzwerks. Als Experte auf den Gebieten Modernismus, Postmodernismus, Postkolonialismus und Popular Culture bot D’Haen eine Master Class zu den neuesten Entwicklungen in der postkolonialen Literaturtheorie an. Nach einem kurzen Vortrag als Einstieg in die „New Approaches in Post-Colonialism“, in dem er die wichtigsten Vertreter und theoretischen Ansätze prägnant vorgestellte, widmete sich D’Haen den einzelnen Dissertationsprojekten der KursteilnehmerInnen. Aus dem Gespräch über die Projekte und den vorbereiteten Fragen entwickelte sich bald eine rege Diskussion in der gemeinsam die Zukunft der postkolonialen Literaturen und der so genannten Tigerstaaten im Verhältnis zu Europa besprochen wurden. Insgesamt begeisterte Prof. D’Haen die TeilnehmerInnen nicht nur mit seinem fachlichen Know-How sondern auch mit seiner offenen, symphatischen Art, mit der er die Master Class zu einer kurzweiligen Veranstaltung werden ließ, in die sich alle Teilnehmer konstruktiv einbringen konnten.

Bo Pettersson, Professor für US-amerikanische Literatur und zur Zeit Geschäftsführender Direktor des Fachbereichs Englisch an der Universität von Helsinki, wies in seiner Master Class zum Thema „Narrative and Metaphor: What Critical Practice Can Teach Us“ zunächst mittels einer theoretischen Einführung ins Thema ein. Basierend vor allem auf den Theorien Paul Ricœurs und neuen kognitiven Ansätzen der Literaturwissenschaft, zeigte er die Gemeinsamkeiten zwischen Metaphern und Narrativen auf, wie sie u.a. von Mark Turner und Jørgen Dines Johansen vertreten werden. Sein aussagekräftiges Konzeptpapier ermöglichte es, auch komplizierteren Ausführungen aus dem Bereich der Kognitionswissenschaft zu folgen und die Zusammenhänge zu verstehen. Anschließend ging Bo Pettersson ausführlich und kompetent auf die im Vorfeld zugesandten Fragen ein, ordnete die Projekte der TeilnehmerInnen im Hinblick auf ihren Bezug zur Metaphorologie ein und bereicherte sie durch neue Ideenvorschläge. Alle Teilnehmenden fühlte sich nach diesen intensiven drei Stunden, die viel zu schnell verflogen, in vielfacher Hinsicht sehr bereichert.

Als Beispiel aus seiner laufenden Forschungsarbeit wählte Prof. Moritz Baßler von der Universtität Münster „Nina Hagens Punk Covers“ für seine Master Class am 4. Juli aus, um seine „Überlegungen zur Text-Kontext-Analyse“ darzulegen. Zu diesem Thema veröffentlichte der Professor für Neuere deutsche Literatur und Experte des „New Historicism“ zuletzt 2005 „Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie“. Anhand des Beispiels von Nina Hagens erster West-Platte „Nina Hagen Band“ (1978) zeigte Baßler das heikle Verhältnis von Interpretation und Kontextanalyse auf und stellte seine Methode der textfundierten Literatur- und Kulturwissenschaft vor. Laut Baßler gilt es, kulturelle Archive mit diversen Textsorten eines bestimmten Zeitpunktes anzuhäufen, nebeneinander zu betrachten und auf Äquivalenzbeziehungen hin zu untersuchen. Auf diese Weise kann beispielsweise Nina Hagens Cover Song „TV-Glotzer“ im Vergleich mit dem Originalsong der Tubes „White Punks on Dope“ und diversen textlich festgehaltenen deutschen Diskursen der 1970er Jahren analysiert werden. In Bezug auf ihre eigenen Dissertationsvorhaben zielten die Fragen der TeilnehmerInnen insbesondere auf das Grundproblem ab, wie relevante und repräsentative Kontexte in den Weiten des Archivs ausfindig gemacht werden können. Zudem erörterten Sie gemeinsam mit Moritz Baßler sowohl Potenzial als auch Grenzen dieser Methode. Prof. Baßler begeisterte nicht zuletzt mit seinem großen Engagement und seinem großen Interesse für die aktuellen Projekte der DoktorandInnen.

Christoph Schanze, Jutta Weingarten, Ursula Arning, Katja Urbatsch