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News-Board-Eintrag:
turisticki Büro – Ein neuer Blick auf Bosnien und Herzegowina

News-Kategorie:
Eingestellt von: Neill Busse
Eingestellt am: 21.08.2008

„turisticki Büro bringt Dich hin. Und zurück“ - das war die einzige Garantie für die über 30 mutigen TeilnehmerInnen, die am 1. Juli gemeinsam mit der Kulturmanagement AG und dem Referenten Ned˛ad Mrkulic eine virtuelle Reise nach Bosnien und Herzegowina antraten. Seit den Neunziger Jahren wird das Land vor allem mit Krieg, Gewalt, Gefahr und Leid assoziiert. Das Ziel des künstlerischen Touristikunternehmens „turisticki Büro“ heißt daher „‚Orient-’, ‚Balkan-’‚ und Kriegskonnotationen wie einen Vorhang zur Seite zu schieben und Platz für neue Aspekte des Landes zu machen.“ Der aus Bosnien stammende Referent Ned˛ad Mrkulic floh während des Krieges 1993 aus Sarajevo nach Deutschland und kehrte nach dem Krieg zunächst zurück. Doch da der von ihm erwartete große Aufbruch nicht eintrat, lebt er seit 1999 wieder in Deutschland und studierte Grafik- und Kommunikationsdesign in Bielefeld. Zum Abschluss seines Studiums reiste Mrkulic 2006 zwei Wochen lang zurück in seine Heimat, um diese als Gegenstand seiner Diplomarbeit zu untersuchen. Das Ergebnis der Arbeit ist das turisticki Handbuch, ein Reiseführer für Bosnien und Herzegowina mit Bildern, Zeichnungen und Interviews, der das Land von einer ganz anderen Seite zeigt.

turisticki Büron - Foto: Katharina LuhDer Reiseführer diente auch als Leitfaden für den Vortrag, der sich parallel auf mehreren Ebenen bewegte: den Reflexionen über die Geschichte, insbesondere die religiöse, die Gegenwart und den Tourismus in Bosnien und Herzegowina sowie über den Tourismus des 21. Jahrhunderts im Allgemeinen. In letzterem fühlt sich Mrkulic Peter Sloterdijk verbunden, der kürzlich in seinem Vortrag „Tractatus Philosophico Touristico“ auf der Touristikmesse in Berlin den aktuellen Stand des Tourismus einer kritischen philosophischen Untersuchung unterzog. Mit beeindruckenden Bildern und der Historie von muslimischen und orthodoxen Klöstern, der katholischen Pilgerstätte Međugorje, verwunschenen Landschaften und der bosnischen Sonnenpyramide, zog Mrkulic die Zuhörer in seinen Bann. Er zeigt Bosnien und Herzegowina als Land, in dem scheinbar Unvereinbares zusammentrifft und sich vermischt: Christentum und Islam des Ostens mit dem Christentum und Judaismus des Westens. Aus diesem Grund vertritt Mrkulic die Position, dass Bosnien und Herzegowina exemplarisch für das funktionierende Zusammenleben von europäischer und orientalischer Lebensart gesehen werden kann.

Indem er in Bezug auf sein Heimatland keine absoluten Aussagen stehen ließ, sondern fortwährend auf die Notwendigkeit hinwies, verschiedene und widersprüchliche Perspektiven zuzulassen, verkörperte Mrkulic auch selbst die Mentalität seines Landes. Und nicht zuletzt aufgrund seines bosnischen Charmes und seiner Begeisterungsfähigkeit wären alle ZuhörerInnen an diesem Abend sofort mit Ned˛ad Mrkulic in den Reisebus nach Bosnien und Herzegowina gestiegen. Die Risikobereitschaft der Reisenden wurde schließlich noch einmal mit einem Gläschen des Nationalschnaps Sliwowitz herausgefordert. Doch turisticki Büro hat sein Versprechen gehalten und die Mutigen belohnt. Aufgrund der großen Nachfrage findet die nächste Reise des turisticki Büro nach Bosnien und Herzegowina Ende Oktober statt, Treffpunkt ist wieder das Gießener Sprach-, Kultur- und Reisecafé Giramondi.

Katja Urbatsch

© Foto: Katharina Luh