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In Deutschland gibt es sogar einen ‚Bierverlag‘

„Fallen Ihnen noch weitere Verlage ein? Es werden doch nicht nur Fachbücher und Belletristik verlegt. Haben Sie zum Beispiel schon einmal von einem Bierverlag gehört?“ Dr. Dirk Palm blickt mit einem schelmischen Lächeln in unsere ratlosen Gesichter und erklärt uns schließlich, dass die Bezeichnung „Bierverlag“ der Werbegag eines Getränkegroßhändlers sei, der mit seinem reichen Angebot an Biersorten wirbt. Doch im Grunde seien sich Großhandel und Verlag in ihren Aufgaben gar nicht so unähnlich, fährt er fort: Ebenso wie jeder Großhandel, sammelt ein Verlag etwas, bereitet es auf und verkauft es weiter. Nur sind es bei einem Verlag eben keine Getränke, sondern Informationen.
Damit befanden wir uns in medias res des zweitägigen Intensiv-Workshops Einführung in das Verlagswesen, der unter der kompetenten Leitung von Dr. Dirk Palm Ende April am GCSC stattfand. Herr Palm war Programmleiter der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt und ist seit 2006 als selbständiger Unternehmer in der Verlagsbranche tätig. Seine Tätigkeit als Referent und Workshopleiter für den GGK/GCSC Career Service führt ihn regelmäßig nach Gießen.

Da sich der Workshop vor allem an Teilnehmer ohne praktische Erfahrung im Verlagswesen richtete, diente der erste Tag zunächst dazu, Überblickswissen zu vermitteln: über die deutsche Verlagslandschaft, deren Marktstrukturen sowie über Karrierewege im Verlagswesen.
Von Beginn an machte Herr Palm in seinen Erläuterungen deutlich, wie wichtig betriebswirtschaftliches und marktstrategisches Denken im Verlagsalltag sind und brachte dies auf folgende Formel: Erfolgreiche Verlage denken vom Kunden her, nicht vom Produkt!
Die im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen eher kleine Verlagsbranche zehre zwar auch von einer großen Portion Idealismus, letztlich müsse aber die Gesamtkalkulation aufgehen. An einer solchen Kalkulation sollten wir uns zu einem späteren Zeitpunkt selbst versuchen dürfen.
Nachdem wir uns einen Überblick über die Bandbreite von Verlagen verschafft hatten – vom Telefonbuchverlag bis zum Bibliographischen Institut – lautete die Frage: Wie kommt das Buch zum Leser? Wie die aktuellen Diskussionen um das Digitalisierungsprojekt von google oder die Verbreitung des Kindle zeigen, befindet sich der Markt im Fluss, worauf die Verlage unter anderem mit neuen Vertriebsformen, die Verlag und Leser direkt miteinander in Kontakt treten lassen, reagieren.

Der nächste thematische Block befasste sich mit der Verlagsorganisation und dem Tätigkeitsspektrum der einzelnen Abteilungen. Denkt man gewöhnlich zuerst an das Lektorat als potenziellen Arbeitsbereich für Geisteswissenschaftler im Verlagswesen, kamen in der gemeinsam zusammengestellten Auflistung noch zahlreiche weitere Möglichkeiten zum Vorschein, z.B. Marketing, Presse, Design und Vertrieb. Der erste Gedanke war: Super, das sind ja mehr Möglichkeiten als zu erwarten waren! Die Praxis sieht jedoch anders aus. Wie Herr Palm unmissverständlich klar machte, kommt man ohne verlagspraktische Vorkenntnisse, sei es über ein Praktikum oder ein Volontariat, nicht an diese Stellen. Als Tipp gab er uns noch mit, sich möglichst bei einem kleinen Verlag für ein Praktikum zu bewerben, um alle Bereiche durchlaufen zu können und sich, falls nötig, betriebswirtschaftliche bzw. buchhalterische Kenntnisse durch qualifizierte Kurse anzueignen.
Da wir nun ohnehin bei den ökonomischen Voraussetzungen der Buchproduktion angelangt waren, bildete eine Beispielkalkulation den Abschluss des ersten, sehr informationsgesättigten Tages. Wie viel muss eine Neuerscheinung einbringen, um rentabel zu sein, d.h. (im Idealfall) zur Deckung der Gemeinkosten beizutragen? Was bedeutet dies für den Verkaufspreis? Und welche Rolle spielen dabei Auflagenhöhe, Bildrechte, Werbung und Händlerrabatte?
Spätestens als wir zu Hause über unserer eigenen Kalkulation für unser Übungsbeispiel, eine Geschichte der italienischen Literatur, brüteten, wurde uns nochmals bewusst, wie viele unterschiedliche Faktoren ein solches Buchprojekt beeinflussen und mitunter auch scheitern lassen können.

Bei der Auswertung unserer Kalkulationen am nächsten Tag, ging es dabei auch immer um die Frage, welche Zielgruppe mit dem Buch erreicht werden soll. Damit schlugen wir nochmals einen Bogen zurück zur Arbeit des Lektors – oder wie Herr Palm ihn lieber nannte: des Produktmanagers. Denkt man bei der Berufsbezeichnung ‚Lektor‘ hauptsächlich an jemanden, der überwiegend liest, verdeutlicht die Bezeichnung ‚Produktmanager‘ dessen komplexes Aufgabenfeld viel besser. Schließlich ist er nicht nur für die Manuskriptbeurteilung zuständig, sondern muss auch die Verkaufsargumente mitliefern, die Zielgruppe im Auge behalten und schon eine Werbeidee im Hinterkopf haben. Nach einigen Erläuterungen zum AIDA-Modell (attention, interest, desire, action) für erfolgreiche Werbung und dessen Einsatzmöglichkeiten in Bewerbungen, schlüpften wir zum Abschluss selbst in die Rolle des Produktmanagers/Lektors und sollten drei verschiedene Sorten von Kurztexten für eine Verlagsvorschau formulieren. Als Modell diente wiederum unsere Geschichte der italienischen Literatur. Zuvor konnten wir uns noch einen Eindruck von mehr oder minder gelungenen Vorschautexten in den von Herrn Palm mitgebrachten Katalogen verschaffen. Die Präsentation unserer Texte brachte äußerst unterschiedliche kreative Ideen zum Vorschein, die abschließend auf ihre Stärken und Schwächen diskutiert wurden.

Insgesamt boten die beiden sehr intensiven Wokshoptage einen vielschichtigen und differenzierten Blick auf die deutsche Verlagslandschaft, ihre Marktstrukturen sowie die verlagsinterne Organisation. Die praxisnahe und durch kenntnisreiche Bespiele aus dem eigenen Berufsalltag angereicherte Vermittlung durch den Referenten gestaltete den Workshop sehr ansprechend. Bleibt als Fazit: Für Geisteswissenschaftler ohne verlagspraktische Erfahrung ist der Einstieg zwar nicht einfach, aber da wir nun die Hürden kennen, kann mit dem Training begonnen werden!

Ein Bericht von Katharina Bauer.