Vom 05.07.2012, 14 Uhr bis zum 06.07.2012, 20 Uhr wird die Tagung an der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Thema "Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute" stattfinden.
Die Tagung wird von der AG Kritische Theorie der Kultur organisiert.
Veranstaltungsort: Die Tagung findet im Alexander-von-Humboldt-Haus, Rathenaustraße 24 A, 35394 Gießen statt. Eine Kinderbetreuung/Daycare kann nach Anfrage per E-mail bei den
Organisator_innen ermöglicht werden. Die Räumlichkeiten sind barrierefrei.
Anmeldung: Die Tagungsteilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung wird bis zum 30.06.2012 gebeten. Für angemeldete Teilnehmer_innen kann das Essen und das Namensschild garantiert werden. Die kurzfristige Teilnahme ohne Anmeldung ist ebenfalls möglich.
Die Tagung 'Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute' wird gefördert durch das International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) und das Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK), Justus-Liebig-Universität Gießen
In der Kritischen Theorie ist der Begriff der Kultur mit der erhofften Befreiung ebenso innig verbunden wie mit der Gefahr der Erstarrung. Spätestens seit der Erfahrung von Auschwitz dominiert die Herausarbeitung des herrschaftlichen Charakters von Kultur: In ihr sei die Unterdrückung der inneren und äußeren Natur sowie die Herrschaft des Menschen über den Menschen ebenso angelegt wie der Rückfall in unvermittelte Gewalt. Jedoch hält insbesondere Adorno an dem Gedanken an Emanzipation, an die befreite Gesellschaft fest. Dabei misst die Kritische Theorie der Kultur eine zentrale Rolle zu: Als Sphäre der Reflexion von Herrschaft ebenso wie als mögliche Statthalterin der Hoffnung auf Emanzipation. Befreiung wird nicht als Befreiung von der Kultur, sondern als Reflexion der Kultur auf ihre repressiven Züge verstanden. Dies trennt die Texte der Kritischen Theorie deutlich von der konservativen Kulturkritik deutscher Romantiker, mit der sie immer wieder in eins gesetzt wird. Diese doppelte Bedeutung des kritisch-theoretischen Kulturbegriffs bildet den Ausgangspunkt der Konferenz 'Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute'. Ihr Interesse konzentriert sich anhand der beiden Themenfelder auf die Frage, inwiefern die aktuelle sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung von den kritisch-theoretischen Ansätzen profitieren kann und inwieweit die Kritische Theorie angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher und gesellschaftstheoretischer Entwicklungen zu aktualisieren wäre.
Panel I:
Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie
In der Dialektik der Aufklärung entwerfen Adorno und Horkheimer eine Kulturtheorie, die den Prozess der Zivilisation aus der Gleichzeitigkeit von Regression und Fortschritt zu erklären versucht. Der Kulturbegriff der älteren Kritischen Theorie ist ausdifferenziert durch das in ihm ausgearbeitete Verhältnis von Herrschaft und Befreiung, von Zivilisation und Barbarei. Die neuere Kritische Theorie legt im Gedanken an kulturelle Differenz eine stärkere Betonung darauf, dass Kultur nicht nur im Singular existiert. Beide Denkrichtungen ziehen aus unterschiedlichen Gründen den Vorwurf des Eurozentrismus auf sich. Adorno zeigt jedoch bereits früh eine Herangehensweise an einen Kulturbegriff auf, der einen differenzierten, stets auf Freiheit orientierten Umgang gestattet. Eine Aktualisierung der Kritischen Theorie kann eine Brücke zwischen Adornos universalistischem Kritik- und Freiheitsbegriff einerseits und der Realität differenter Vorstellungen andererseits schlagen.
Panel II:
Kritische Theorie der Bildung
In den bildungstheoretischen Schriften von Adorno und Horkheimer werden die Begriffe der Bildung und Erziehung nahezu synonym verwendet. Bildung wird hier verstanden als Prozess mit dem Ziel der Erfahrungsfähigkeit und Mündigkeit. Bildungsprozesse sollen zum kritischen Bewusstsein - die Erziehung zu Anpassung und Widerstand - führen. Dabei steht die Entbarbarisierung der Menschen im Fokus. Adorno konstatiert: "Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen" (in: Minima Moralia). Bildungs- und Erfahrungsfähigkeit stellen als Fundament für ein demokratisches Bewusstsein und damit einhergehender gesellschaftlicher Partizipation das Gegenteil zu kalter Gleichgültigkeit dar. Das Bildungsverständnis der Kritischen Theorie steht in Zeiten von G8 und Bologna allerdings grundsätzlich zur Debatte.
05.07.2012 |
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| 14.00: | Begrüßung: Floris Biskamp |
| 14.15: | Einführung ins Panel 1: Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie Chair: Alexander Friedrich |
| 14.30: | Jan Friedrich (Basel): Rehabilitation der List. Odysseus vs. Trickster
Die Kulturtheorie, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung entfalten, ist Herausforderung und Zumutung zugleich. Sie mutet uns zu, die Kultur, in der wir leben, als Produkt einer scheinbar unaufhaltsam sich verdichtenden Verstrickung von Fortschritt und Herrschaft zu verstehen, in der jede zivilisatorische Errungenschaft mit einer Zunahme von Gewalt, Unterdrückung und Versagen des Glücksanspruches erkauft wird. Seit der „Urgeschichte der Subjektivität“ bewegten wir uns bestenfalls in einem Nullsummenspiel. Gleichwohl schildert die Dialektik der Aufklärung, und darin liegt ihre eigentliche Zumutung, diese Entwicklung nicht nur als irreversibel, sondern als notwendig. Sie fordert uns heraus, Auswege aus jener Verstrickung zu finden. Sie provoziert unseren Widerspruch, weil Adornos Diktum aus den Minima Moralia, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, vor diesem Hintergrund jeden einzelnen in seinem individuellen Glückanspruch angreift. |
| 15.30: | Kaffee und Kuchen |
| 15.45: | Markus Baum (Aachen), Sebastian Weirauch (Aachen): Kritik der Kultur. Geschichte und Fortschritt in der älteren und aktuellen Kritischen Theorie
Jedes Ding ist ein Wort in jener Sprache, in der, Tag und Nacht, Jemand oder Etwas dies unendliche Wirrwarr Weltgeschichte verfasst. Als Genitivus objectivus stellt die Formulierung „Kritik der Kultur“ den Anspruch Kritischer Theorie dar, Kultur zum Gegenstand der Kritik zu machen. Als Genitivus subjectivus verweist sie auf die intervenierende Praxis Kritischer Theorie, die innerhalb einer zur Kritik fähigen Kultur vollzogen wird. Konstitutiv für diese Praxis ist die Auseinandersetzung mit Geschichte, da jede Kulturkritik ein Verständnis ihrer Genese voraussetzt. Aus diesem Grund sollen in der Betrachtung der Geschichte diejenigen Momente identifiziert werden, die konstitutiv für die Dynamik der zu kritisierenden kulturellen Entwicklung sind (vgl. Honneth 2007a). Diesem programmatischen Grundsatz folgen ältere und jüngere Varianten Kritischer Theorie; in unserem Vortrag wollen wir Adorno und Honneth hinsichtlich ihrer Vorstellung von Fortschritt in ein Verhältnis setzen. Literatur |
| 16.35: | Janne Mende (Gießen): Kulturelle Identität – identitäre Kultur?
Der Begriff der Kultur ist in seiner langen Geschichte auf unterschiedlichste Weise gefasst worden. In jüngeren Debatten wird oftmals auf ein dynamisches Kulturverständnis abgezielt, das einem statischen, monolithischen gegenübergestellt wird. Daneben ist in Theorien über Kultur die Reichweite und Grenze der jeweiligen Konzeption umstritten. Kultur kann sowohl einen spezifischen, klar abgegrenzten Bereich als auch ein allumfassendes Weltbild meinen. Davon heben sich Ansätze ab, die mit Identität, Differenz und Nicht-Identität konstitutive Gegensätzeinnerhalb des Kulturbegriffs diskutieren. Von erheblicher Bedeutung für gegenwärtige Auseinandersetzungen ist zudem die Diskussion um den normativen Status von Kultur(en). Im Vortrag wird auf einer normativen Ebene die Verwobenheit von emanzipatorischen und repressiven Aspekten aufgezeigt. Beide Seiten fundieren die jeweilige Konzeption von Kultur und lassen sich nicht dichotom voneinander trennen. Eng damit verbunden ist die Frage nach der Reichweite von Kultur: Als Allumfassendes würde Identität herrschen mit dem von ihr Geprägten. Als rein äußerliche, abgetrennte Sphäre würde ihre Bedeutung nur ungenügend erfasst werden. Weiterführend ist eine Herangehensweise, die die inneren Spannungsverhältnisse aufzeigen kann. Daher wird in einem zweiten Schritt auf die zugrunde liegenden Widerspruchs- und Vermittlungsverhältnisse näher eingegangen. Im Rückgriff auf Derridas Figur der Antinomie und Adornos Konstellation der Vermittlung wird das Verhältnis von Identität und Nicht-Identität im Kulturbegriff diskutiert und auf seinen Gehalt hin überprüft. |
| 17.30: | Pause |
| 18.00: | Keynote-Vortrag: Paul Geyer (Bonn): "Linker Kulturkonservativismus" |
| 20.00: | Abendessen |
06.07.2012 |
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| 10.00: | Sebastian Tränkle (Leipzig): Le prix du progrès. Adornos Kritik der technisch-instrumentellen Sprache
In Theodor W. Adornos gesellschaftskritischen und kulturtheoretischen Überlegungen spielt die Frage nach dem technischen Fortschritt und seinen Implikationen eine bedeutende Rolle. Diesen, vor allem in der Dialektik der Aufklärung, aber auch im Vortrag zum Begriff des Fortschritts von 1962 entwickelten Überlegungen geht es um die Entfaltung einer Dialektik der historischen Dynamik. Allerdings wurden sie mit der »kommunikationstheoretischen« Wende der kritischen Theorie weitgehend ad acta gelegt. Die u. a. von Jürgen Habermas formulierte Kritik ging von einer anachronistischen Fixierung auf eine geschichts- und subjektphilosophische Perspektive aus, die einen blinden Fleck in allen sprachphilosophischen Fragen offenbare, und damit nicht mehr dem gegenwärtigen Erkenntnisstand entspräche. |
| 10.50: | Einführung ins Panel 2: Kritische Theorie der Bildung Chair: Jennifer Ch. Müller |
| 11.05: | Stefan Müller (Frankfurt): Bildung als Herrschaft und Autonomie
Einer der Schwerpunkte Theodor W. Adornos nach der Rückkehr aus der erzwungenen Emigration besteht in der eingehenden Beschäftigung mit Fragen der Bildung. Adorno arbeitet mit seinem Befund einer ‚Theorie der Halbbildung’ eine Konstellation heraus, die bis heute Bildungsdiskussionen prägt: ‚Bildung’ verweist auf Autonomie und kann diese nur innerhalb herrschaftlicher Präformation gewährleisten. Die intrinsische Vermittlung von Herrschaft und Autonomie bildet den Rahmen der bildungstheoretischen Hinweise Adornos. |
| 12.00: | Mittagspause |
| 13.30: | Iris Dankemeyer (Berlin): Zur „Idiotie des Landlebens“
In einem seiner berühmtesten bildungstheoretischen Aufsätze „Erziehung nach Auschwitz“ weist Adorno auf ein Problem hin, das „allgemein kaum beachtet“ würde: die Differenz von Stadt und Land. Adorno hält die „Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsideale.“ Dabei gelten ihm die Bewohner ländlichen Raumes nicht zwangsläufig als Dorfdeppen; dass die „Erinnerung ans Dorf“ der Vergeistigung keineswegs widersprechen muss, illustrierte er an einem oldenburgischen Bauern – Peter Suhrkamp. |
| 14.20: | Daniel Burghardt (Erlangen-Nürnberg): G8 und Bologna. Institutionalisierte Halbbildung
Aus der Perspektive einer kritischen Pädagogik möchte der Vortrag vor dem Hintergrund des Halbbildungsbegriffs von Adorno kulturtheoretische Bausteine für ein humanistisches Bildungsverständnis in Zeiten von G8 und Bologna-Prozess liefern, das über einen Bildunsgwert als bloße Qualifikation hinausgeht. |
| 15.15: | Kaffee und Kuchen |
| 15.45: | Raphael Beer (Münster): Das problematische Verhältnis zwischen Bildung und Demokratie
Für die Kritische Theorie ist es eine ausgemachte Sache, dass Bildung und Erziehung zum Ziel haben, mündige BürgerInnen hervorzubringen. Dabei ist es offen, inwieweit sich ein Zusammenhang zwischen Bildung und einem demokratischen Bewusstsein (verstanden als Mündigkeit) herstellen lässt. Es gab „Gebildete“, die sich in den Dienst diktatorischer Regime gestellt haben. Nicht zuletzt wegen dieses Umstandes kann nicht umstandslos von Bildung auf Demokratie geschlossen. Aber nicht nur die historischen Fakten weisen darauf hin, dass Bildung und Demokratie keine notwendige Einheit sind. Auch theoretisch lässt sich ein Zusammenhang nicht unmittelbar herstellen. Eine Möglichkeit, einen Zusammenhang wenigstens abzubilden, besteht darin, die genetische Epistemologie von Jean Piaget für die Kritische Theorie fruchtbar zu machen. Mit ihrer Hilfe lässt sich zeigen, dass Bildung tatsächlich zu Mündigkeit führen kann. Ein postkonventionelles Moralbewusstsein und die Fähigkeit zu hypothetischem Denken, die Piaget als Zielfiguren der Bildungsentwicklung anvisiert, entsprechen dem, was unter einem demokratischen Bewusstsein verstanden werden kann. Und sie entsprechen dem Kulturbegriff der Kritischen Theorie als Reflexion auf nicht legitimierbare Herrschaftsverhältnisse. Mit Hilfe der genetischen Epistemologie lässt sich aber auch zeigen, dass der Bildungsprozess von entgegenkommenden sozio-ökonomischen Lebensverhältnissen abhängig ist. Das Spannungsverhältnis der Kultur zwischen Emanzipation und Unterdrückung drückt sich also gerade im Bildungsbegriff aus. Es wird deutlich, dass Bildung der Grundstein für Emanzipation ist. Zugleich kann aufgezeigt werden, dass existierende Bildungsungleichheiten sich als Exklusion bildungsferner Milieus beschreiben lassen. Eine Kritische Theorie der Bildung eröffnet damit zwei Fronten. Sie wendet sich gegen bestehende Ungleichheiten und sie wendet sich gegen einen Bildungsbegriff, der Bildung auf die Akkumulation von verwertbarem Wissen reduziert. Die gegenwärtige Kultur erscheint vor diesem Hintergrund als Bedrohung der demokratischen Verfasstheit moderner Gesellschaften und als Blockierung einer weitergehenden Demokratisierung. |
| 16.35: | Wolfram Ette (Chemnitz): „Konstellation“ und Mündlichkeit. Adornos Impulse für die aktuelle Bildungsdiskussion
Bildung ist der Prozess, durch den eine Gesellschaft sich selbst reflektiert. Deswegen kann ihr Begriff abgelöst von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen nicht bestimmt werden. Diese Bedingungen haben sich gegenüber den fünfziger bis siebziger Jahren, in denen die Kritische Theorie in Deutschland ihre größte Wirksamkeit entfaltet hat, erheblich verschoben; deswegen ist auch der Bildungsbegriff ein anderer geworden. An die Stelle des Kanons, mit dem man sich vollkommen vertraut gemacht haben muss, um sich von ihm emanzipieren zu können, tritt ein nach innen und außen randunscharfes Gebilde von Verbindlichkeiten, die von Fall zu Fall ausgehandelt werden; an die Stelle der Dialektik von Autorität und Auflehnung, Tradition und Traditionsbruch tritt (oder sollte treten) ein sich selbst organisierenden System kollektifven Lernens und kollektiver Reflexion. Die Frage ist, was wir unter diesen Voraussetzungen mit dem Bildungsbegriff der Kritischen Theorie anfangen können.
In meinem Vortrag möchte ich mich auf Adorno konzentrieren, und zwar hierbei weniger auf seine expliziten Reflexionen zum Bildungsbegriff als auf seine theoretische und pädagogische Praxis. Im Zentrum sollen dabei die Begriffe "Konstellation" und "Mündlichkeit" stehen.
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| 17.30: | Pause |
| 18.00: | Keynote-Vortrag: Ruth Sonderegger (Wien): "Kritisches Verhalten. Bei Horkheimer, Foucault und darüber hinaus" |
| 20.00: | Abendessen |