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Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute



Vom 05.07.2012, 14 Uhr bis zum 06.07.2012, 20 Uhr wird die Tagung an der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Thema "Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute" stattfinden.
Die Tagung wird von der AG Kritische Theorie der Kultur organisiert.

Veranstaltungsort: Die Tagung findet im Alexander-von-Humboldt-Haus, Rathenaustraße 24 A, 35394 Gießen statt. Eine Kinderbetreuung/Daycare kann nach Anfrage per E-mail bei den 
Organisator_innen ermöglicht werden. Die Räumlichkeiten sind barrierefrei.

Anmeldung: Die Tagungsteilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung wird bis zum 30.06.2012 gebeten. Für angemeldete Teilnehmer_innen kann das Essen und das Namensschild garantiert werden. Die kurzfristige Teilnahme ohne Anmeldung ist ebenfalls möglich.

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Die Tagung 'Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute' wird gefördert  durch das International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) und das Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK), Justus-Liebig-Universität Gießen


In der Kritischen Theorie ist der Begriff der Kultur mit der erhofften Befreiung ebenso innig verbunden wie mit der Gefahr der Erstarrung. Spätestens seit der Erfahrung von Auschwitz dominiert die  Herausarbeitung des herrschaftlichen Charakters von Kultur: In ihr sei die Unterdrückung der inneren und äußeren Natur sowie die Herrschaft des Menschen über den Menschen ebenso angelegt wie der Rückfall in unvermittelte Gewalt. Jedoch hält insbesondere Adorno an dem Gedanken an Emanzipation, an die befreite Gesellschaft fest. Dabei misst die Kritische Theorie der Kultur eine zentrale Rolle zu: Als Sphäre der Reflexion von Herrschaft ebenso wie als mögliche Statthalterin der Hoffnung auf Emanzipation. Befreiung wird nicht als Befreiung von der Kultur, sondern als Reflexion der Kultur auf ihre repressiven Züge verstanden. Dies trennt die Texte der Kritischen Theorie deutlich von der konservativen Kulturkritik deutscher Romantiker, mit der sie immer wieder in eins gesetzt wird. Diese doppelte Bedeutung des kritisch-theoretischen Kulturbegriffs bildet den Ausgangspunkt der Konferenz 'Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute'. Ihr Interesse konzentriert sich anhand der beiden Themenfelder auf die Frage, inwiefern die aktuelle sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung von den kritisch-theoretischen Ansätzen profitieren kann und inwieweit die Kritische Theorie angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher und gesellschaftstheoretischer Entwicklungen zu aktualisieren wäre.

Panel I:
Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie


In der Dialektik der Aufklärung entwerfen Adorno und Horkheimer eine Kulturtheorie, die den Prozess der Zivilisation aus der Gleichzeitigkeit von Regression und Fortschritt zu erklären versucht. Der Kulturbegriff der älteren Kritischen Theorie ist ausdifferenziert durch das in ihm ausgearbeitete Verhältnis von Herrschaft und Befreiung, von Zivilisation und Barbarei. Die neuere Kritische Theorie legt im Gedanken an kulturelle Differenz eine stärkere Betonung darauf, dass Kultur nicht nur im Singular existiert. Beide Denkrichtungen ziehen aus unterschiedlichen Gründen den Vorwurf des Eurozentrismus auf sich. Adorno zeigt jedoch bereits früh eine Herangehensweise an einen Kulturbegriff auf, der einen differenzierten, stets auf Freiheit orientierten Umgang gestattet. Eine Aktualisierung der Kritischen Theorie  kann eine Brücke zwischen Adornos universalistischem Kritik- und Freiheitsbegriff einerseits und der Realität differenter Vorstellungen andererseits schlagen.

Panel II:
Kritische Theorie der Bildung


In den bildungstheoretischen Schriften von Adorno und Horkheimer werden die Begriffe der Bildung und Erziehung nahezu synonym verwendet. Bildung wird hier verstanden als Prozess mit dem Ziel der Erfahrungsfähigkeit  und  Mündigkeit.  Bildungsprozesse  sollen  zum  kritischen  Bewusstsein  -  die Erziehung zu Anpassung und Widerstand - führen. Dabei steht die Entbarbarisierung der Menschen im Fokus. Adorno konstatiert: "Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen" (in: Minima Moralia). Bildungs- und Erfahrungsfähigkeit stellen als Fundament für ein demokratisches Bewusstsein und damit einhergehender gesellschaftlicher Partizipation das Gegenteil zu kalter Gleichgültigkeit dar. Das Bildungsverständnis der Kritischen Theorie steht in Zeiten von G8 und Bologna allerdings grundsätzlich zur Debatte.

Programm

05.07.2012

 
   
14.00: Begrüßung: Floris Biskamp
14.15: Einführung ins Panel 1: Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie
Chair: Alexander Friedrich
14.30: Jan Friedrich (Basel): Rehabilitation der List. Odysseus vs. Trickster
Abstract
 

Die Kulturtheorie, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung entfalten, ist Herausforderung und Zumutung zugleich. Sie mutet uns zu, die Kultur, in der wir leben, als Produkt einer scheinbar unaufhaltsam sich verdichtenden Verstrickung von Fortschritt und Herrschaft zu verstehen, in der jede zivilisatorische Errungenschaft mit einer Zunahme von Gewalt, Unterdrückung und Versagen des Glücksanspruches erkauft wird. Seit der „Urgeschichte der Subjektivität“ bewegten wir uns bestenfalls in einem Nullsummenspiel. Gleichwohl schildert die Dialektik der Aufklärung, und darin liegt ihre eigentliche Zumutung, diese Entwicklung nicht nur als irreversibel, sondern als notwendig. Sie fordert uns heraus, Auswege aus jener Verstrickung zu finden. Sie provoziert unseren Widerspruch, weil Adornos Diktum aus den Minima Moralia, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, vor diesem Hintergrund jeden einzelnen in seinem individuellen Glückanspruch angreift.
Geschichtsphilosophisch nimmt jene Verstrickung ihren Ausgang in einer Art Automatismus, der von der Übermacht der Natur zum Opfer, von diesem zur List und von ihr zum Opfer des Augenblicks an die Zukunft, zur rationalen Arbeit führt. In diesen Automatismus, den Adorno namentlich im Odysseus-Kapitel der Dialektik der Aufklärung entwickelt, gilt es einzuhaken. Dies soll im Vortrag auf zwei Ebenen geschehen:
Erstens zeigt eine immanente Kritik des Odysseus-Kapitels, dass Adorno jenen Automatismus als geschichtsphilosophisches Narrativ einschleust, indem er, kurz gesagt, das Epos zum Entwicklungsroman verklärt.

Zweitens zeigt eine interkulturelle Kritik jener geschichtsphilosophischen Konstruktion die Verkürzungen des Begriffs der List auf, die die eurozentrische Position der Kritischen Theorie mit sich bringt. Kontrastiert man den listigen Odysseus mit der weltweit verbreiteten, mythologischen Verkörperung der List, dem Trickster, so wird deutlich, dass die odysseeische List nur der erfolgreiche, konformistische Abhub eines Verhaltens ist, das gerade das Potential eines anderen Mensch-Natur-Verhältnisses birgt. Statt einer Entwicklung aus Notwehr gegenüber einer übermächtigen Natur verweist der Trickster auf die Möglichkeit einer Entwicklung aus Neugier inmitten einer Seinsfülle.
15.30: Kaffee und Kuchen
15.45: Markus Baum (Aachen), Sebastian Weirauch (Aachen): Kritik der Kultur. Geschichte und Fortschritt in der älteren und aktuellen Kritischen Theorie
Abstract
 

Jedes Ding ist ein Wort in jener Sprache, in der, Tag und Nacht, Jemand oder Etwas dies unendliche Wirrwarr Weltgeschichte verfasst.
– Jorges Luis Borges, Ein Kompaß

Als Genitivus objectivus stellt die Formulierung „Kritik der Kultur“ den Anspruch Kritischer Theorie dar, Kultur zum Gegenstand der Kritik zu machen. Als Genitivus subjectivus verweist sie auf die intervenierende Praxis Kritischer Theorie, die innerhalb einer zur Kritik fähigen Kultur vollzogen wird. Konstitutiv für diese Praxis ist die Auseinandersetzung mit Geschichte, da jede Kulturkritik ein Verständnis ihrer Genese voraussetzt. Aus diesem Grund sollen in der Betrachtung der Geschichte diejenigen Momente identifiziert werden, die konstitutiv für die Dynamik der zu kritisierenden kulturellen Entwicklung sind (vgl. Honneth 2007a). Diesem programmatischen Grundsatz folgen ältere und jüngere Varianten Kritischer Theorie; in unserem Vortrag wollen wir Adorno und Honneth hinsichtlich ihrer Vorstellung von Fortschritt in ein Verhältnis setzen.
Adornos Haltung rekonstruieren wir zunächst anhand seiner Auseinandersetzung mit der Idee der Naturgeschichte, der zufolge die geschichtliche Entwicklung von einer Dialektik des Neuen und Fortschrittlichen und des Mythischen vorangetrieben wird (vgl. Adorno 2003). Zunehmend aber verliert Adorno das Fortschrittliche aus dem Blick und vertritt die Auffassung, dass innerhalb der Geschichte kein „Fortschritt […] zu unterstellen“ (Adorno 2003a: 619) ist. Vielmehr beginne die Vorgeschichte mit „einer irrationalen Katastrophe in den Anfängen“ (Adorno 2003b: 315, vgl. Horkheimer, Adorno 2004: 50-87) und erreiche im 20. Jahrhundert den Endzustand einer vollends verwalteten Welt. Diese Annahme kritisiert Honneth mit dem Hinweis, dass in einer solchen Beschreibung der Geschichte ein kulturimmanenter Maßstab der Kritik nicht sinnvoll ausgewiesen werden könne. Im Gegensatz zu Adornos Konzeption argumentiert er dafür, Geschichte als einen fortschrittlichen Prozess der sukzessiven Entfaltung von Freiheitspotentialen zu rekonstruieren, für deren Realisierung die Kritische Theorie Partei ergreift (vgl. Honneth 2007; Honneth 2011: 112, 120).
Wir argumentieren, dass beide Betrachtungen der Geschichte eine Notwendigkeit ihrer Entwicklung unterstellen. Jedoch verstellt die Annahme von Notwendigkeit den Raum einer kritischen Praxis. Der Kritik an der Kultur wird so der Boden für eine kritikfähige Kultur performativ entzogen. Statt Geschichte am Leitfaden von Fortschritt oder Regression zu rekonstruieren, sind daher die konkreten Konfliktlinien zu betonen, die dafür zeugen, dass die erzählte Weltgeschichte nur eine Geschichte ist, die immer auch hätte anders verlaufen können. Hier lässt sich der „frühe“ Adorno als Pate einer Kritischen Theorie darstellen, der die Aufgabe zukommt, die in vergangenen Konflikten geäußerten normativen Ansprüchen als nicht abgegoltene Hoffnungen zu artikulieren.               

Literatur
Adorno, Theodor W., 2003: Die Idee der Naturgeschichte, S. 617-638 in ders.: Philosophische Frühschriften, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Adorno, Theodor W., 2003a: Fortschritt, S. 617-638 in ders.: Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt am Main: Suhrkamp. Adorno, Theodor W., 2003b: Negative Dialektik, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Honneth, Axel, 2007: Zur Unhintergehbarkeit des Fortschritts. Kants Bestimmung des Verhältnisses von Moral und Geschichte, S. 9-27 in ders.: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Honneth, Axel, 2007a: Rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt, S. 57-69 in ders.: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Honneth, Axel, 2011: Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp.
Horkheimer, Max, Theodor W. Adorno, 2004: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main: Fischer.

16.35: Janne Mende (Gießen): Kulturelle Identität – identitäre Kultur?
Abstract
 

Der Begriff der Kultur ist in seiner langen Geschichte auf unterschiedlichste Weise gefasst worden. In jüngeren Debatten wird oftmals auf ein dynamisches Kulturverständnis abgezielt, das einem statischen, monolithischen gegenübergestellt wird. Daneben ist in Theorien über Kultur die Reichweite und Grenze der jeweiligen Konzeption umstritten. Kultur kann sowohl einen spezifischen, klar abgegrenzten Bereich als auch ein allumfassendes Weltbild meinen. Davon heben sich Ansätze ab, die mit Identität, Differenz und Nicht-Identität konstitutive Gegensätzeinnerhalb des Kulturbegriffs diskutieren. Von erheblicher Bedeutung für gegenwärtige Auseinandersetzungen ist zudem die Diskussion um den normativen Status von Kultur(en).

Im Vortrag wird auf einer normativen Ebene die Verwobenheit von emanzipatorischen und repressiven Aspekten aufgezeigt. Beide Seiten fundieren die jeweilige Konzeption von Kultur und lassen sich nicht dichotom voneinander trennen. Eng damit verbunden ist die Frage nach der Reichweite von Kultur: Als Allumfassendes würde Identität herrschen mit dem von ihr Geprägten. Als rein äußerliche, abgetrennte Sphäre würde ihre Bedeutung nur ungenügend erfasst werden. Weiterführend ist eine Herangehensweise, die die inneren Spannungsverhältnisse aufzeigen kann. Daher wird in einem zweiten Schritt auf die zugrunde liegenden Widerspruchs- und Vermittlungsverhältnisse näher eingegangen. Im Rückgriff auf Derridas Figur der Antinomie und Adornos Konstellation der Vermittlung wird das Verhältnis von Identität und Nicht-Identität im Kulturbegriff diskutiert und auf seinen Gehalt hin überprüft.
17.30: Pause
18.00: Keynote-Vortrag: Paul Geyer (Bonn): "Linker Kulturkonservativismus"
Abstract
 
„Linker Kulturkonservativismus“ − ist das nicht eine paradoxe Begriffszusammenstellung? Der materielle Kern des linken Projekts ist Kapitalismuskritik und eine mehr oder weniger starke Einschränkung des sogenannten Grundrechts auf Eigentum und des Erbrechts. Der materielle (wenn auch ideologisch verschleierte) Kern des bürgerlichen Konservativismus ist die Verteidigung genau dieser Grundrechte und der kapitalistischen Wirtschaftsform. Darin liegt eine gewisse Tragik des bürgerlichen Konservativismus, weil die kapitalistische Wirtschaftsform in ihrer Frühzeit mit der Herausbildung der europäischen Hochkultur und des modernen Subjekts dialektisch verschränkt war, sodass man trefflich alle drei für bewahrenswert halten konnte. Aber im Laufe der Neuzeit und der Moderne wurde das Verhältnis des modernen Subjekts und seiner Kultur zu seiner Wirtschaftsform zunehmend antagonistisch. Der Kapitalismus emanzipierte sich von den menschlichen Subjekten und wirkte zerstörerisch auf die sowieso immer nur schwache Autonomie des modernen Subjekts. Als Reaktion darauf ist die europäische Kultur immer stärker antikapitalistisch geworden. Dieser Kulturbegriff ist natürlich, wie alle Kulturbegriffe, eine Setzung und ein Kampfbegriff. Ich werde versuchen, einen Begriff der europäischen Kultur, ja sogar der europäischen Hochkultur zu entwickeln, der Ausdruck einer bestimmten Bewusstseinsform ist, die ich für bewahrenswert halte. Dieser Begriff von Kultur soll den Begriff des Konservativismus aus seiner Abhängigkeit von der kapitalistischen Wirtschaftsform befreien und melancholischen Wertkonservativen eine Perspektive bieten.
20.00: Abendessen
   

06.07.2012

 
   
10.00: Sebastian Tränkle (Leipzig): Le prix du progrès. Adornos Kritik der technisch-instrumentellen Sprache
Abstract
 

In Theodor W. Adornos gesellschaftskritischen und kulturtheoretischen Überlegungen spielt die Frage nach dem technischen Fortschritt und seinen Implikationen eine bedeutende Rolle. Diesen, vor allem in der Dialektik der Aufklärung, aber auch im Vortrag zum Begriff des Fortschritts von 1962 entwickelten Überlegungen geht es um die Entfaltung einer Dialektik der historischen Dynamik. Allerdings wurden sie mit der »kommunikationstheoretischen« Wende der kritischen Theorie weitgehend ad acta gelegt. Die u. a. von Jürgen Habermas formulierte Kritik ging von einer anachronistischen Fixierung auf eine geschichts- und subjektphilosophische Perspektive aus, die einen blinden Fleck in allen sprachphilosophischen Fragen offenbare, und damit nicht mehr dem gegenwärtigen Erkenntnisstand entspräche.
Dabei folgt diese theoretische Konstruktion selbst einem ideengeschichtlichen Fortschrittsmodell, das – so eine These dieses Vortrags – hinter die von Adorno und Horkheimer ausgearbeitete Problematisierung zurückfällt. Es soll gezeigt werden, dass sich im Werk Adornos, beginnend mit dem frühen Aufsatz »Thesen über die Sprache des Philosophen«, eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Problemen der Sprache findet. Dabei soll dargestellt werden, warum sich eine Diskussion der Adornoschen Sprachkritik gerade im Hinblick auf kultur- und zivilisationskritische Fragestellungen lohnt.
Adornos Sprachkritik, so die zentrale These des Papers, fragt nach der Leistungsfähigkeit und der Funktionsweise der wissenschaftlichen Sprache im historischen Horizont der Entwicklung der modernen, technisch-industriellen Zivilisation. Adorno problematisiert – vor allem in der Negativen Dialektik –, dass eine auf Verwertbarkeit, Eindeutigkeit, Quantifizierung und die Produktion von Identität fixierte instrumentelle Begrifflichkeit dem Spektrum lebensweltlicher Erfahrung nicht gerecht zu werden vermag. Schließlich erfährt diese These mit der Diagnose eines »Sprachverlusts« vor dem Hintergrund des »Zivilisationsbruchs« Auschwitz eine Radikalisierung. Adorno geht damit von einer Legitimationskrise der wissenschaftlichen Sprache aus.
Der Vortrag soll einen Überblick über die sprachkritische Argumentation Adornos liefern, sie im Kontext seiner dialektischen Konzeptionen von Fortschritt, Zivilisation und Kultur verorten und Anknüpfungspunkte für eine sprachphilosophisch sensibilisierte kritische Theorie der Gesellschaft in der Gegenwart liefern.

10.50: Einführung ins Panel 2: Kritische Theorie der Bildung
Chair: Jennifer Ch. Müller
11.05: Stefan Müller (Frankfurt): Bildung als Herrschaft und Autonomie
Abstract
 

Einer der Schwerpunkte Theodor W. Adornos nach der Rückkehr aus der erzwungenen Emigration besteht in der eingehenden Beschäftigung mit Fragen der Bildung. Adorno arbeitet mit seinem Befund einer ‚Theorie der Halbbildung’ eine Konstellation heraus, die bis heute Bildungsdiskussionen prägt: ‚Bildung’ verweist auf Autonomie und kann diese nur innerhalb herrschaftlicher Präformation gewährleisten. Die intrinsische Vermittlung von Herrschaft und Autonomie bildet den Rahmen der bildungstheoretischen Hinweise Adornos.
Aus dem Doppelcharakter von Bildung ergeben sich bis heute die basalen Schwierigkeiten  von Bildungskonzepten. Die Grundannahmen restringierter und erweiterter Bildungskonzeptionen sollen im Vortrag offengelegt werden. Die Kategorien der Selbständigkeit, Mündigkeit, Autonomie, Kritik und Reflexion werden sowohl in restringierten als auch in erweiterten Bildungskonzepten in Anspruch genommen: Sie können als Kompetenzen auf ihren zweckrationalen Gehalt limitiert sein, als Effekte auf ihre Erscheinung fixiert bleiben, als proklamierte Ziele den Subjekten äußerlich verbleiben oder demgegenüber zur Autonomie beitragen, diese sogar hervorbringen und absichern.

Abschließend kann gezeigt werden, dass die bildungstheoretischen Überlegungen Adornos  in einer für die Kritische Theorie maßgeblichen dialektischen Konstellation zwischen Kritik und Versöhnung eingebunden sind.
12.00: Mittagspause
13.30: Iris Dankemeyer (Berlin):  Zur „Idiotie des Landlebens“
Abstract
 

In einem seiner berühmtesten bildungstheoretischen Aufsätze „Erziehung nach Auschwitz“ weist Adorno auf ein Problem hin, das „allgemein kaum beachtet“ würde: die Differenz von Stadt und Land. Adorno hält die „Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsideale.“ Dabei gelten ihm die Bewohner ländlichen Raumes nicht zwangsläufig als Dorfdeppen; dass die „Erinnerung ans Dorf“ der Vergeistigung keineswegs widersprechen muss, illustrierte er an einem oldenburgischen Bauern – Peter Suhrkamp.
Die Diskussionen um den Bildungsbegriff gehen meist wie selbstverständlich von einem urbanen Kontext aus. Doch auch nach dem Untergang des Bauerntums, das Eric Hobsbawm zufolge den dramatischsten Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellte, leben Menschen in der Provinz. Dass Bildung mehr sein soll als die Beherrschung elementarster Kulturtechniken, zeigt sich am deutlichsten dort, wo das Bildungsniveau am niedrigsten ist. Marx’ Wort von der „Idiotie des Landlebens“ meint ein genuin rückständiges Bewusstsein, dessen Ursprung die grimmige Primitivität gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Gerade dort, wo die Extreme von hochkonzentriertem Spätindustrialismus und hauswirtschaftlichem Traditionalismus aufeinanderprallen, bleiben die Menschen hinter der intellektuellen und psychologischen Urbanisierung zurück.
Im Rahmen seiner Einführungen in die Darmstädter Gemeindestudien hat Adorno eine „durchgreifende Schul- und Erziehungsreform auf dem Lande“ gefordert und an anderer Stelle selbst mehrere Vorschläge dazu vorgetragen. Die geistige Armut auf dem Lande hat ihn nicht nur als Teil seiner soziologischen Arbeit beschäftigt. Anders als das verzerrte Bild von Adorno als dem im Elfenbeinturm verschanzten Elitisten, hat er sich nicht nur an ein akademisches Publikum gewandt, sondern versucht, die Menschen auf dem platten Land mit mehr als 350 Radiobeiträge sowie durch etliche Vortragsreisen zu erreichen.

14.20: Daniel Burghardt (Erlangen-Nürnberg): G8 und Bologna. Institutionalisierte Halbbildung
Abstract
 

Aus der Perspektive einer kritischen Pädagogik möchte der Vortrag vor dem Hintergrund des Halbbildungsbegriffs von Adorno kulturtheoretische Bausteine für ein humanistisches Bildungsverständnis in Zeiten von G8 und Bologna-Prozess liefern, das über einen Bildunsgwert als bloße Qualifikation hinausgeht.
Ausgangspunkt bildet Adornos Analyse des Humboldtschen Bildungsbegriffs, der in der Theorie der Halbbildung als „Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung“ gefasst wird. Dabei wird konstatiert, dass der damit verbundene Freiraum in der Moderne marktförmig überlagert und Bildung als eine Vermarktungs- und Abgrenzungsstrategie unter rein ökonomischen Gesichtspunkten fetischisiert wird. Indes skizziert Adorno keine bloße Verfallsgeschichte des neuhumanistischen Bildungsgedankens, vielmehr zeigt er, dass die Entwicklung bereits im Entstehungszusammenhang bei Humboldt selbst angelegt ist, indem er der Kultur -verstanden als subjektiver Seite von Bildung- einen Doppelcharakter zuschreibt: Kultur verlangt als Geisteskultur eine autonome Sphäre vor dem Andringen der Gesellschaft. Zugleich ist Kultur von der Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht zu trennen, sondern aus diesen heraus erst als Gestaltung des realen Lebens gewachsen. Somit ist die kulturelle Trennung von gesellschaftlichen Herrschaftszusammenhängen, die sie ihrem Anspruch nach ändern möchte, selbst Produkt dieser Verhältnisse.

Durch Adornos genealogische Annäherung werden die Zusammenhänge von Besitz und Bildung (Heydorn) sowie Besitz der Bildung (Bourdieu) evident; so will der Vortrag, mit Blick auf die aktuellen Reformen und Prozesse, kritische Forderungen an den Bildungsbegriff stellen sowie Grenzen desselben aufzeigen. Dabei werden die kulturindustriellen und ökonomischen Sozialisationsbedingungen reflektiert und ein emanzipatives Potential, das gerade aus der hegemonialen Fremdbestimmung entsteht, ausbuchstabiert.
15.15: Kaffee und Kuchen
15.45: Raphael Beer (Münster): Das problematische Verhältnis zwischen Bildung und Demokratie
Abstract
 

Für die Kritische Theorie ist es eine ausgemachte Sache, dass Bildung und Erziehung zum Ziel haben, mündige BürgerInnen hervorzubringen. Dabei ist es offen, inwieweit sich ein Zusammenhang zwischen Bildung und einem demokratischen Bewusstsein (verstanden als Mündigkeit) herstellen lässt. Es gab „Gebildete“, die sich in den Dienst diktatorischer Regime gestellt haben. Nicht zuletzt wegen dieses Umstandes kann nicht umstandslos von Bildung auf Demokratie geschlossen. Aber nicht nur die historischen Fakten weisen darauf hin, dass Bildung und Demokratie keine notwendige Einheit sind. Auch theoretisch lässt sich ein Zusammenhang nicht unmittelbar herstellen. Eine Möglichkeit, einen Zusammenhang wenigstens abzubilden, besteht darin, die genetische Epistemologie von Jean Piaget für die Kritische Theorie fruchtbar zu machen. Mit ihrer Hilfe lässt sich zeigen, dass Bildung tatsächlich zu Mündigkeit führen kann. Ein postkonventionelles Moralbewusstsein und die Fähigkeit zu hypothetischem Denken, die Piaget als Zielfiguren der Bildungsentwicklung anvisiert, entsprechen dem, was unter einem demokratischen Bewusstsein verstanden werden kann. Und sie entsprechen dem Kulturbegriff der Kritischen Theorie als Reflexion auf nicht legitimierbare Herrschaftsverhältnisse. Mit Hilfe der genetischen Epistemologie lässt sich aber auch zeigen, dass der Bildungsprozess von entgegenkommenden sozio-ökonomischen Lebensverhältnissen abhängig ist. Das Spannungsverhältnis der Kultur zwischen Emanzipation und Unterdrückung drückt sich also gerade im Bildungsbegriff aus. Es wird deutlich, dass Bildung der Grundstein für Emanzipation ist. Zugleich kann aufgezeigt werden, dass existierende Bildungsungleichheiten sich als Exklusion bildungsferner Milieus beschreiben lassen. Eine Kritische Theorie der Bildung eröffnet damit zwei Fronten. Sie wendet sich gegen bestehende Ungleichheiten und sie wendet sich gegen einen Bildungsbegriff, der Bildung auf die Akkumulation von verwertbarem Wissen reduziert. Die gegenwärtige Kultur erscheint vor diesem Hintergrund als Bedrohung der demokratischen Verfasstheit moderner Gesellschaften und als Blockierung einer weitergehenden Demokratisierung.
Es soll also der Versuch einer Theorieintegration vorgeschlagen werden, der die Kritische Theorie an eine empirische Wissenschaft bindet, und der die empirische Wissenschaft wieder für ein kritisches Denken öffnet.

16.35: Wolfram Ette (Chemnitz): „Konstellation“ und Mündlichkeit. Adornos Impulse für die aktuelle Bildungsdiskussion
Abstract
 

Bildung ist der Prozess, durch den eine Gesellschaft sich selbst reflektiert. Deswegen kann ihr Begriff abgelöst von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen nicht bestimmt werden. Diese Bedingungen haben sich gegenüber den fünfziger bis siebziger Jahren, in denen die Kritische Theorie in Deutschland ihre größte Wirksamkeit entfaltet hat, erheblich verschoben; deswegen ist auch der Bildungsbegriff ein anderer geworden. An die Stelle des Kanons, mit dem man sich vollkommen vertraut gemacht haben muss, um sich von ihm emanzipieren zu können, tritt ein nach innen und außen randunscharfes Gebilde von Verbindlichkeiten, die von Fall zu Fall ausgehandelt werden; an die Stelle der Dialektik von Autorität und Auflehnung, Tradition und Traditionsbruch tritt (oder sollte treten) ein sich selbst organisierenden System kollektifven Lernens und kollektiver Reflexion. Die Frage ist, was wir unter diesen Voraussetzungen mit dem Bildungsbegriff der Kritischen Theorie anfangen können. In meinem Vortrag möchte ich mich auf Adorno konzentrieren, und zwar hierbei weniger auf seine expliziten Reflexionen zum Bildungsbegriff als auf seine theoretische und pädagogische Praxis. Im Zentrum sollen dabei die Begriffe "Konstellation" und "Mündlichkeit" stehen.
Dass ein konstellatives an der Stelle eines definitorischen Verfahrens im Zentrum von Adornos methodischen Reflexionen in der "negativen Dialektik" steht, ist bekannt. Trotz ihres bisweilen wuchtigen Auftretens sind Adornos Texte locker organisiert; ihre entscheidende Produktivkraft liegt nicht allein in dem, was sie sagen, sondern ebenso in dem, was sie dadurch, wie sie es sagen, nicht sagen, in den Lücken und Aussparungen, durch die eine Konstellation von Begriffen erst zum bedeutungshaften Gebilde wird. Diese Offenheit, dieser methodische Appell an die Produktivität der Rezipienten lässt sie ungeachtet der Konjunk­turen und Rezessionen, die sie immer wieder erfahren, so wenig veralten. Die Frage also, auf ich in meinem Vortrag zunächst eine Antwort geben möchte, lautet, ob und in welchem Betracht das konstellative Verfahren mit einem nicht­autoritären und kol­lektiven Bildungsbegriff übereinzubringen ist.
Stimme und Mündlichkeit sind demgegenüber in Zusammenhang mit Adornos Werk nur wenig diskutierte Phänomene. Seine Verbreitung hängt aber essentiell mit ihm zusammen. Man kennt Adornos Stimme: sie vermag nicht jeden zu faszinieren, hat aber in jedem Fall einen eminenten Wiedererkennungswert; man weiß, dass Adorno seine Texte im Entwurf zu diktieren pflegte; die Strahlkraft der jetzt peu à peu veröffentlichten Vorlesungen, die ihren Reiz ge­rade aus einem spezifisch mündlichen Duktus beziehen, ist bekannt; in den letzten Jahren ist man darüber hinaus darauf aufmerksam geworden, in welch hohem Maße Adorno das Medium des Radios nutzte. Zur Physiognomie von Adornos Denken scheinen mir diese Phänomene mehr als nur beiläufig zu gehören. In der mündlichen Rede sind Verbindlichkeit und Offenheit ­ das lässt sich an neueren Untersuchungen zur Theorie der Stimme gut zeigen ­ offenbar anders konfiguriert als in der schriftlichen. Dieses Verhältnis lässt sich, ausgehend von Adorno, für die aktuelle Bildungsdiskussion fruchtbar machen.

17.30: Pause
18.00:

Keynote-Vortrag: Ruth Sonderegger (Wien): "Kritisches Verhalten. Bei Horkheimer, Foucault und darüber hinaus"

20.00: Abendessen

Organisator_innen:

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